• Fortschritt durch Technik: Das Tied & Tickled Trio huldigt dem Chaos - und ist eigentlich ein Sextett

Berlin : Fortschritt durch Technik: Das Tied & Tickled Trio huldigt dem Chaos - und ist eigentlich ein Sextett

Andreas Krieger

Von wegen: Unschuld vom Lande! Ausgerechnet eine japanische Sextechnik hat es sechs unauffälligen Männern aus dem bayerischen Provinzstädtchen Weilheim (40 Kilometer südlich von München) so angetan, dass sie kurzerhand ihre Band danach benannten: tied and tickled. "Der eine Partner wird bei dieser Praktik gefesselt und vom anderen solange mit einer Feder gekitzelt, bis es weh tut", sagt Soundbastler Andreas Gerth. Um die Verwirrung komplett zu machen, klebten die Weilheimer an den Namen noch ein "Trio" dran - obwohl die Instrumentalgruppe nie ein Dreier war. Bizarr sind auch die Titel ihrer Stücke: "unwohlpol", "van brunt" oder "db track" klingen aber nicht von ungefähr nach Hausapotheke, denn so was Ähnliches ist die zweite CD "EA1 EA2" (payola) in der Tat: Heilmittel für alle vom alltäglichen Rumsbums genervten Freunde elektronischer Musik.

Die treibenden Köpfe des Sextetts, die Brüder Micha und Markus Acher, haben schon mit ihrer Indie-Rockband The Notwist und deren letzter Platte "Shrink" gezeigt, wie man mit Einfallsreichtum und Elektronik die Grenzen eines Genres ausweiten kann. Fortschritt durch Technik ist aber auch das Credo ihres Tied & Tickled Trios, dessen Gratwanderung zwischen Chaos und Komposition an die Experimente der Jazz-Heroen Miles Davis und Herbie Hancock erinnert. Während die sechs Weilheimer mit ihren sanfteren Nummern diesem Jahrtausend noch ein melancholisches Gute-Nacht-Lied spielen, sind sie mit ihren futuristischen Midtempo-Beats längst schon im nächsten angekommen - als hätte Jimi Tenor den Soundtrack zu einem russischen Liebesfilm komponiert.

"Wir gehen ohne Songs ins Studio, wo wir dann Hunderte Ideen auf Einzelspuren aufnehmen", erklärt Gerth die Vorgehensweise. "Die Stücke kristallisieren sich erst beim Mischen heraus." Aber auch die vorliegende CD ist kein endgültiges Werk, sondern nur das akustische Tagebuch einer Abenteuerreise in unbekannte Klangwelten. Bei den Konzerten wird das Material wieder lustvoll zerschlagen und neu zusammengepuzzelt. "Wir treffen uns an ausgemachten Punkten", sagt Bassist Micha Acher. "Dazwischen kann alles passieren." Seit 1994 bastelt die aus einem Schlagzeug-Duo hervorgegangene Formation an ihrem Mix aus klirrenden Geräuschen und swingenden Grooves, melancholischen Bläsern und rumpelnden Bässen - der trotz seiner Kühle so explosiv scheint, dass man glauben könnte, die Abkürzung TNT stünde für Tied & Tickled.

Und selten zuvor war Jazz-Pop so traurig wie "yolanda". Bei diesem pianosatten, melancholischen Höhepunkt der neuen Platte fühlt man sich an lange, einsame Winterspaziergänge erinnert. Wenn dunkle Wolken tief über die schneekalte, weißbraune Äcker ziehen und sich das Auge danach sehnt, nur einmal hinter den Horizont blicken zu können. Musik wie diese kann man wohl nur auf dem Lande machen - vorausgesetzt man hat sich ein kleines Stück Unschuld bewahrt.Das Tied & Tickled Trio spielt am Sonnabend im Supamolly, Jessnerstr. 41 (Friedrichshain), 22.30 Uhr

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