Fraktur! Berlin-Bilder aus der Kaiserzeit : Falke in Filzpuschen

Der Publizist Maximilian Harden hält Kaiser Wilhelm II. für einen politischen Schwächling und behauptet: Homosexuelle Beziehungen im Beraterkreis des Monarchen begünstigten dessen Verweichlichung.

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Der Publizist Maximilian Harden, Herausgeber der Wochenschrift "Die Zukunft", sitzt 1898 am Schreibtisch in seinem Berliner Arbeitszimmer.
Kampfnatur. Maximilian Harden, hier ein Bild von 1898, gehört im Kaiserreich als Herausgeber der Wochenschrift "Die Zukunft" zu...Foto: Berliner Leben

Die glücklosen Tage als Schauspieler liegen hinter diesem jungen Mann. Die Lust an der Maskerade hat er sich bewahrt. Er schreibt unter zahlreichen Pseudonymen wie „Kent“, „Aposta“, „Theophil Zolling“ oder „Kunz von der Rosen“. Aber mit noch größerer Lust entreißt er anderen die Maske. Berühmt wird Felix Ernst Witkowski, 1861 als Sohn eines jüdischen Seidenhändlers in Berlin geboren, unter dem Namen Maximilian Harden. 1892 begründet der Kritiker und Publizist die Wochenschrift „Die Zukunft“. Gleich in der ersten Nummer kanzelt er die komplette Konkurrenz ab: als einen Haufen korrupter Fälscher, der „ein Millionenvolk verdummt und verderbt“. Für ihn gibt es nur einen, der die Wahrheit sucht: Maximilian Harden. Bald sind ihm nur die Mächtigsten als Feinde gut genug. Da kommt der Kaiser gerade recht.

Maximilian Harden zählt zu den politischen Hardlinern im Kaiserreich

Von seinem Schreibtisch aus regiert Harden als intellektuelle „Kampfnatur“. Tausende Seiten seiner Zeitschrift füllt der Herausgeber selbst und arbeitet sich am politischen, gesellschaftlichen und kulturellen Zeitgeschehen ab. Binnen weniger Jahre wird er der „bestgehasste und jedenfalls bekannteste unter allen deutschen Schriftstellern“, wie die Zeitschrift „Berliner Leben“ im September 1898 schreibt. „Unser Bild zeigt den großen Essayisten in seinem Arbeitszimmer, in dessen stillen vier Wänden er elf Zwölftel seines Lebens verbringt. In Hardens scharf und fein ausgearbeiteten Zügen sind träumerische Weichheit und rücksichtslose Energie ganz merkwürdig gemischt“, ist dort zu lesen.

Fraktur! Die Serie mit Berlin-Bildern aus der Kaiserzeit
Das Comité des Gesindeballs von 1898. "Pickelhaube und Hamburger Häubchen, packender Adler und schöne Täubchen... Ein kleines Bild aus der bunten Schar der stets heiteren Dienstboten", schreibt die Monatszeitschrift "Berliner Leben" im Februar 1898. Na ja, so leicht und lustig wie auf diesem Bild war das Leben für das Personal in der kaiserlichen Reichshauptstadt wahrhaftig nicht immer. Mit unserer Serie Fraktur! laden wir Sie ein zu einer Zeitreise mit Berlin-Bildern aus der Kaiserzeit - alle Beiträge lesen Sie auf der Themenseite www.tagesspiegel.de/frakturWeitere Bilder anzeigen
1 von 53Foto: Berliner Leben
31.03.2016 11:25Das Comité des Gesindeballs von 1898. "Pickelhaube und Hamburger Häubchen, packender Adler und schöne Täubchen... Ein kleines Bild...

Denn die bequemen Filzschuhe täuschen: Maximilian Harden ist ein Bewunderer des kühlen Machtstrategen Bismarck, der als Kanzler 1890 von Wilhelm II. abserviert wurde. Er zählt zu den Hardlinern im Kaiserreich, zum Kreis der Falken, die Deutschland im Spiel der Großmächte um koloniale Eroberungen ins Hintertreffen geraten sehen und an der Durchsetzungskraft der politischen Führung zweifeln. Durch zahlreiche internationale Krisen, in denen das Deutsche Reich den Kürzeren zieht, sieht sich Harden bestätigt: Dieser Kaiser kann es nicht. Zu weich, zu kraftlos, ohne Potenz.

Der Publizist findet die weiche Flanke in der engsten Entourage des Monarchen. Im Herbst 1906 – im Ringen um Marokko hat sich der Kaiser gerade von Frankreich und England übertrumpfen lassen – geht Harden zum persönlichen Angriff über: In einer Reihe von Beiträgen deutet er ein homosexuelles Beziehungsgeflecht im Beraterkreis des Kaisers an. Das Motiv für die Enthüllungen, die sich vor allem gegen den Diplomaten Philipp zu Eulenburg und Generalstabschef Kuno von Moltke richten, ist offensichtlich: Wilhelms „Verweichlichung“ werde von einem homoerotischen Milieu in seiner „Hofkamarilla“ begünstigt. Die Outing-Kampagne löst eine Staatsaffäre und eine mehrjährige Prozesslawine aus. Das Vertrauen in den Hof ist erschüttert, der Ruf der Beschuldigten ruiniert.

Maximilian Harden verliert viele Freunde, darunter den Publizisten Karl Kraus, und er sammelt unablässig neue Feinde, auch über den Weltkrieg hinweg. Am 3. Juli 1922, nur Tage nach dem Mord an Außenminister Walther Rathenau, einem Freund Hardens, wird der Publizist von Freikorps-Kämpfern fast zu Tode geprügelt. Er stellt „Die Zukunft“ ein und zieht in die Schweiz. Zu seinem Tod am 30. Oktober 1927 schreibt das Naziblatt „Angriff“: „Maximilian Harden ist durch eine Lungenentzündung hingerichtet worden. Wir bedauern am Tod dieses Mannes nur, dass er uns die Möglichkeit genommen hat, auf unsere Weise mit Isidor Witkowski abzurechnen.“

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