Berlin : Frau Berger nimmt ein Bad

Für einen Euro kaufte die Sportlehrerin dem Land Berlin das historische Stadtbad Steglitz ab. Jetzt wird investiert

Katja Füchsel

Meins, meins, meins! Das mag Gabriele Berger leise frohlocken, wenn sie ihre tägliche Runde durch die verlassenen Hallen zieht. Wenn sie Ideen sammelt, plant und das Stadtbad Steglitz vor ihren Augen wieder zum Leben erwacht: Frauen über die Treppe ins stattliche Bassin schreiten, Männer auf der Galerie plaudern, Kinder im Wasser juchzen. Ein Tagtraum, noch. „Aber schon sehr lebendig“, sagt Gabriele Berger.

Den Schlüssel für das Hallenbad in der Bergstraße hat die 53-Jährige seit November, doch am Montag wurde es amtlich und der Notar Zeuge: Als sich in seiner Kanzlei Gabriele Berger und die Vertreterin des Liegenschaftsfonds feierlich erhoben, die Sportlehrerin die Brieftasche zückte und die Frauen den Verkauf anschließend mit einem Handschlag besiegelten. Berger hatte es, alles andere als zufällig, passend: Für einen symbolischen Euro wechselte das Stadtbad Steglitz seine Besitzerin.

Nicht jeder leistet sich ein eigenes Bad, für Gabriele Berger ist es gewissermaßen das zweite: Seit fünf Jahren ist sie Chefin vom Bewegungsbad Marienfelde an der Malteserstraße. Wie man hört, mit beachtlichem Erfolg. Egal, ob Wassergymnastik, Kinderschwimmen, Sauna – „unsere Kurse waren schnell ausgebucht“. Das hat der Mutter zweier erwachsener Söhne Mut für mehr gegeben, „für neue Projekte, neue Visionen“. Als dann das Steglitzer Stadtbad vor über zwei Jahren schloss, stand Gabriele Berger als erste Interessentin vor der Tür – und lernte von den Behörden erst einmal, was es heißt, zu warten. Sicher, der Zustand des historischen Stadtbades sei durch den Leerstand nicht besser geworden, sagt die neue Hausherrin. „Aber ein Bau aus jüngerer Zeit hätte das lange nicht so gut verkraftet.“

Gabriele Berger ist verliebt und gibt sich beim Rundgang keine Mühe, ihre Gefühle zu verbergen: Das Bassin mit der geschwungenen Form! Die kathedralenartige Kuppel! Der sakrale Charakter! Die alte Dampfsauna! Die Säulen! Das Mosaik! Jetzt sind alle Existenzängste kurz vergessen, Gabriele Berger sagt mit fester Stimme: „Das klappt. Weil es ein wunderschönes, altes Bad ist.“ Allerdings auch hoffnungslos veraltet. Auf etwa 1,2 Millionen Euro schätzt das Bezirksamt Steglitz den Investitionsbedarf, um das 1908 eröffnete Bad wieder auf Vordermann zu bringen. Bergers Risiko. Sie glaubt, dass sie auf die veranschlagte Summe sogar „noch ein paar zulegen muss“. Um die Bäderabteilung auf den modernsten Stand zu bringen, das alte Heizkesselhaus in ein Restaurant zu verwandeln… Nein, genaue Zahlen will die Geschäftsfrau nicht nennen. Auch die für 2006 avisierte Eröffnung würde sie am liebsten verschweigen, weil heute noch kein Handwerker wisse, ob der Termin gehalten werden kann.

Den alteingesessenen Steglitzern kann es nicht schnell genug gehen. Und weil Gabriele Berger seit 1979 auch im Stadtbad ihre Kurse angeboten hat, gehört sie inzwischen fast dazu. „Wir warten schon sehnsüchtig auf Sie!“, ruft ihr eine Anwohnerin vor der Eingangshalle entgegen. Eine andere nimmt Gabriele Berger stürmisch in den Arm. „Mein Sohn hat hier Schwimmen gelernt. Der ist jetzt über 40!“ Es sind die Details, die das Stadtbad Steglitz so liebenswert machen. „Zur Brause“, steht in geschwungenen Buchstaben an den Wänden. Von der Umkleidekabine treten die Badegäste direkt ans Becken. Das meiste soll erhalten bleiben, nur die Tafel „Wasser 32 Grad, Luft 28 Grad“ muss weg. Gabriele Berger schüttelt sich. „Entsetzlich! Bei vier Grad Unterschied friert man sich doch zu Tode, wenn man aus dem Wasser kommt.“

Wenig hat Gabriele Berger auf ein Leben als Großbad-Besitzerin vorbereitet: Seit 30 Jahren arbeitet die zierliche Frau als selbstständige Sportlehrerin, gibt Kurse in Wassergymnastik. Ins Hallen-Geschäft stieg sie ein, als das Erzbistum das Schwimmbad Marienfelde aufgab und die Sportlehrerin die Halle als Pächterin übernahm. Damals kroch es zum ersten Mal in ihr hoch: „Das schöne Gefühl: Ich hab was geschafft!“ Wer weiß, vielleicht dürstet Gabriele Berger bald nach mehr. Sieben der stillgelegten städtischen Bäder stehen noch leer.

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