Berlin : Fred Nopper (Geb. 1930)

Die durchwachten Nächte und ihre Gestalten hatten ihren Reiz verloren

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Fred Nopper 1930-2016
Fred Nopper 1930-2016Foto: privat

Buchstaben? Klar, kenn ich.“ – „Dann kannst du uns bestimmt einige nennen.“ Fred schaut die Lehrerin an, dreht den Kopf, nach links, nach rechts, die Augen der anderen Kinder sind auf ihn gerichtet. Jetzt nur nichts falsch machen, gleich am ersten Schultag. Er setzt sich ein wenig aufrechter und beginnt: „C-D-E-F-G- A-H.“ Seine helle Stimme klettert melodiös Ton für Ton hinauf.

Lange, bevor Fred in der Lage war, ein Wort zu entziffern, konnte er Noten lesen. Und Akkordeon spielen, die Klaviatur mit seinen Kinderfingern bedienen, gleichzeitig die Bassknöpfe drücken und auch noch den Balg zusammen- und auseinanderziehen. Er sang obendrein, allein und mit seinem Vater, einem Berliner Arbeiter, der ihm das Akkordeonspiel beigebracht hatte. Später, nach der Schule, kam das Klavier hinzu. Trotzdem entschied er sich gegen die Musik, zunächst. Der Krieg, die Nachkriegszeit, der Tod des Vaters, es schien angebrachter, eine solide Feinmechanikerlehre zu absolvieren. Aber während des Feilens und Schraubens merkte er, wie wenig diese Arbeit für ihn geeignet war. Er wollte seine Finger über die Pianotasten fliegen lassen, wollte diese neue, schnelle Musik spielen, die die Amerikaner mitgebracht hatten, Swing, Bebop, Cool Jazz. Er hörte George Shearing und Oscar Peterson, trat in Berliner Kneipen auf, ging mit einem Freund nach Gelsenkirchen, vervollkommnete sein Spiel, verdiente Geld mit Gigs in Bars und ein halbes Jahr lang unter Tage in einem Essener Bergwerk. Doch mit Schwielen an den Fingern kann selbst ein Virtuose nicht zaubern.

Er trat in die Band des Trompeters Charly Tabor ein, arrangierte Stücke, begleitete Caterina Valente, spielte drei Jahre im Kasino in Karatschi, kam 1956 zurück, gründete ein Quartett, fuhr von einem amerikanischen Club zum nächsten, immer weiter, immer in Bewegung. Und blieb dann für einen Moment stehen. Vor dem Tourbus der Gerd Feister- Gruppe. Stand dort und schaute durchs Fenster: „Sie saß in diesem Bus, in einem himmelblauen Mantel, den Kragen hochgeschlagen, und ich wusste, sie ist es.“

Fred Nopper 1957
Fred Nopper 1957Foto: privat

Ruth kam aus Wien, war klein und schmal wie ein Kind und sang. Ab jetzt standen sie gemeinsam auf der Bühne, reisten, heirateten, bekamen Michaela, reisten weiter, von Schweden nach Paris, nach Beirut, nach Wien, wo Michaela bei ihrer Großmutter aufwuchs. Als sie drei war, fragten die Eltern sie, ob sie sie nicht doch eine Weile begleiten wolle, und Michaela antwortete: „Naa, das nächste Mal.“ Das nächste Mal, ein Jahr später, stand sie mit ihrem gepackten Köfferchen bereit und fuhr zwei Jahre lang mit ihnen durch die Welt.

1968 hatte Ruth genug vom Reisen, von Hotels, von den Stunden auf den Straßen. Sie zogen nach Berlin, sie holten Michaela aus Wien, sie begannen, wie eine normale Familie zu leben. Anfangs spielte Fred noch bei Rolf Eden, doch die durchwachten Nächte und ihre Gestalten hatten ihren Reiz verloren. Er stieg aus, ging auf eine Verwaltungsschule und danach an die Technische Universität, wo er für die Bürogeräte zuständig war.

Gelegentlich, wenn er Lust hatte oder gute Leute ihn fragten, nahm er Gigs an, auch wenn die Gage kümmerlich ausfiel. Jammte wochenends in Clubs und Kneipen, immer im Dreiteiler mit Einstecktuch und Krawatte und Socken, die bis zum Knie reichten, denn wenn die Hose hochrutscht und nackte Haut freigibt, zeugt das von Schludrigkeit. Turnschuhe trug er ausschließlich zum Fußball, seine Anzüge hingen gereinigt und in Kleidersäcke verpackt im Schrank. Verwechselte jemand im Gespräch dasselbe und das Gleiche, korrigierte Fred ihn unverzüglich. Perfektion auf der Bühne, Perfektion im Alltag. Unprofessionalität, Unpünktlichkeit brachten ihn auf, er konnte dann sehr laut werden, manche Mitmusiker hielten die Ausbrüche kaum aus. Gleichzeitig aber war er eben ein Könner, die Kollegen hatten größten Respekt vor ihm. Ein junger Mann, ein Akkordeonist, fragte ihn während ihres ersten Treffens, ob er ihm Unterricht erteilen könne. „Meine letzten Schüler“, sagte Fred, „hab ich erschlagen.“ Sein Humor löste den Unmut der Anderen auf, seine Karl-Valentin- und Loriot- und Heinz-Erhardt-Parodien. Der junge Mann wurde ein enger Freund.

Fred verachtete Geplapper, unbewiesene Behauptungen, alle wussten das. Eines Nachmittags spazierte er mit seiner Tochter über den Ku’damm, sie unterhielten sich über Gold. „Blödsinn“, sagte er, „18 Karat gibt es nicht.“ – „Doch“, erwiderte Michaela. Sie blieben stehen und stritten. Bis er plötzlich loslief, mit schnellen Schritten in ein Juweliergeschäft stürmte, um kurz darauf wieder herauszuschlendern: „Hast recht gehabt. Und jetzt ist genug.“

Im Mai 2014 hörte er auf, sich zu streiten, zu scherzen, zu spielen. Ruth war gestorben. Er setzte sich nie wieder ans Klavier, nicht ein einziges Mal. „Ich sehe sie immer neben mir stehen. Ich kann nicht.“ Aber er hatte ein Holzbrett in seiner Wohnung, ein einfaches, blankes Brett. Auf dieses Brett tippte er mit seinen Fingern: „C-D-E-F-G-A-H“, und hörte die Töne still in seinem Kopf.

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