Berlin : Fremd und vertraut zugleich

Ein wiederaufgelegtes Buch von Lutz Rathenow und Harald Hauswald entführt ins alte Ost-Berlin

Lars von Törne

Der Autor Lutz Rathenow und der Fotograf Harald Hauswald haben ein sehr persönliches, anrührendes Buch wiederveröffentlicht, in dem sie vor 18 Jahren den Alltag in der östlichen Stadthälfte in subjektiven Momentaufnahmen festgehalten haben. „Ost-Berlin. Leben vor dem Mauerfall“ heißt das Büchlein heute; 1987 war es im Westen erschienen und im Osten ein Geheimtipp, aber vor allem war es nach kurzer Zeit vergriffen. Die jetzt im Jaron-Verlag wiederaufgelegten Beobachtungen der beiden Flaneure sind eine Schatzkiste, weil sie die Atmosphäre festhalten, die in den letzten Jahren der DDR zumindest in einigen Teilen Ost-Berlins geherrscht hat.

Beide fühlten sich der inoffiziellen Musik- und Literaturszene verbunden, beschreiben aber mit offenen Auge auch viele Szenen aus dem Leben der Normalbürger. Die Beobachtungen sind alltäglich und zum Teil spektakulär, das Leben in der fremden Welt des Ostens wird so beschrieben, dass man als gelernter Westler mit auf eine Reise genommen wird. Man erlebt den Vorwende-Alexanderplatz, wo Beamte in Zivil „durch betont gleichgültiges Schlendern ein gleichgültiges Schlendern vortäuschen“. Lakonisch beschreibt Rathenow die ständigen Beschränkungen des Alltags, die gelegentlichen Schikanen durch den Staat, aber vor allem das für Westler doch jedes Mal wieder überraschend bunte, vielfältige Leben in Nischen aller Art. Diese beschreibt er weniger als Rückzug ins Private, sondern als Eintauchen ins subkulturelle, vage, vieldeutige und experimentelle Szeneleben. Man erlebt mit Rathenow dramatische Momente wie einen Balkonsturz in der Lychener Straße und lakonische Beschreibungen von Straßenbahnfahrten, irritierende Begegnungen mit „Bundis“, ambivalente Bemerkungen über die verhasste und doch zugleich identitätsstiftende Mauer sowie Beobachtungen des Berliner Alltagslebens, die auch in der vereinten Stadt noch zutreffend klingen.

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Vieles, was Rathenow erzählt, wirkt fremd und doch zugleich sehr vertraut. Manchen Kneipendialog hört man heute noch genauso, auch die ironisch wiedergegebenen Gespräche auf Szenepartys klingen so wie man sie in den 80ern wohl auch im Westen hören konnte. So sind dem Autor und dem Fotografen historische Miniaturen gelungen, die den Zeitenwechsel überdauert haben, wie auch jene Worte, mit denen Rathenow beschreibt, wie er das Berliner Leben mit all seinen Mini-Dramen wahrnimmt: „Die Sensationen erreichen dich bruchstückhaft, verquickt mit Banalitäten. Mit intensiver Beiläufigkeit präsentiert dir jeder Tag seine Collage von der Wirklichkeit. Ein vielschichtiges Kunstwerk, an dem du mitwirkst.“ Diese Impression des Flaneurs dürfte fürs heutige Berlin genauso gelten wie für das damalige.

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