Berlin : Friedlich feiert Kreuzberg in den Mai

Tausende vergnügten sich in der Oranienstraße und demonstrierten ohne Krawall. Erst am späten Abend gab es Zwischenfälle

Tanja Buntrock,Jörn Hasselmann

Den ruhigsten Feiertag seit fast 20 Jahren erlebte Kreuzberg beim diesjährigen 1. Mai. Tausende feierten entspannt das Myfest, erst gegen 21.30 Uhr kam es im Anschluss an eine illegale Spontan-Demonstration am Heinrichplatz zu Flaschen-, Böller- und Steinwürfen auf Polizisten. In der Oranienstraße wurden Müllcontainer angesteckt. Die Strategie der Polizei ging jedoch weitgehend auf. Die Beamten hielten sich lange zurück und griffen erst dann zu. Es kam zu mehreren Dutzend Festnahmen. Innensenator Ehrhart Körting (SPD) sagte in der „Abendschau“ dazu, es gebe ein paar Leute, die seien nicht zu belehren, die wollten „es wissen“.

Zuvor hatte die Polizei, die bis 5500 Beamten mobilisieren konnte, diese und eine weitere unangemeldete Demonstration völlig unbehelligt durch das Myfest auf der Oranienstraße ziehen lassen. „Einfach laufen lassen“, hatte Polizeipräsident Dieter Glietsch am frühen Abend als Strategie für diese Aufzüge angekündigt; den gewaltbereiten Demonstranten sollten keinerlei „Reibungspunkte“ für Aktionen geboten werden.

Obwohl die Demonstration mehrfach rücksichtslos durch die friedlich Feiernden rannten, gab es nur leisen Protest gegen die Störer, aber auch anders als in der Vergangenheit keinen Beifall. Das Fest wurde einfach fortgesetzt, die Bands spielten weiter. „Das Myfest ist Scheiße“, lautete die simple Losung der Demonstranten, die sie auf einem Transparent dem Zug voran trugen. Unter den Teilnehmern waren auffallend viele junge Araber.

Tausende hatten bereits den ganzen Tag über friedlich rund um die Oranienstraße gefeiert. Die Veranstalter hatten diesmal sehr viel mehr Ordner als 2005 eingesetzt; junge Berliner aus dem Kiez, die auf ihren Jacken den Schriftzug „Protection Kreuzberg 36“ trugen.

Um eine friedliche Feier zu sichern, lud der Leiter der Polizeidirektion 5, Bernhard Kufka, vor Festbeginn zu einem Gespräch mit Migrantenverbänden auf dem Oranienplatz und bat um deren Mithilfe. Die Mitglieder der Verbände verteilten sich anschließend auf dem Myfest und sprachen mit türkisch- oder arabischstämmigen Jugendlichen, damit diese von Randale Abstand nähmen. Bis zum späten Abend war die Party sehr entspannt, türkische Folklore-Musik war am Mariannenplatz zu hören, vor der Bühne tanzten viele Leute aus dem Kiez. Die Polizei hielt sich konsequent im Hintergrund. Auffällig waren nur die Beamten in den neongelben Jacken mit dem Aufdruck „Anti- Konflikt-Team“. Sie suchten das Gespräch , allerdings wurden sie auch von Jugendlichen angesprochen – ob man ihnen denn die gelbe Jacke abkaufen könne.

Am Nachmittag hatte es insgesamt drei Demonstrationen gegeben. Die „Revolutionäre 1.-Mai-Demo“ mit 500 Teilnehmern startete mit eineinhalb Stunden Verspätung und wurde von starken Polizeikräften begleitet. Im Anschluss daran zogen 3000 Menschen bei der „Mayday“-Demo friedlich nach Neukölln. Viele Geschäfte waren anders als früher nicht verbarrikadiert, sondern geöffnet.

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