Berlin : Friedrich Hinkel (Geb. 1925)

„Ruhig bleiben und einfach bleiben. Dann ist alles möglich.“

Anne Jelena Schulte

Der Direktor der sudanesischen Altertumsverwaltung hatte ein Problem. Es war das Jahr 1959, und Ägypten hatte beschlossen, den Assuan-Staudamm zu bau- en, dessen Fluten auch sudanesischen Boden überspülen würden. Auf diesem Boden standen 2000 Jahre alte Pyramiden aus nubischer Zeit.

Aber da war doch gerade dieser vertrauenserweckende Deutsche im Land, dieser Friedrich Hinkel. Den winkte der Direktor in sein Besprechungszimmer und bat ihn um Hilfe. Die Pyramiden aus bröckligem Sandstein müssten ganz einfach allesamt umziehen in die 1500 km entfernte Stadt Khartum. Dort könne man ja einen Pyramidenpark errichten.

Friedrich Hinkel fragte sich, warum der Direktor nicht eine der westdeutschen Firmen beauftragte, die bereits die Tempel auf der ägyptischen Seite versetzt hatten. Wer war er, dass man ihm einen so verantwortungsvollen Auftrag erteilen wollte?

Er war der einzige Sohn einer Stenotypistin und eines Kaufmanns, der die Familie verlassen hatte, als Friedrich 14 war. Mit 17 hieß er dann nicht mehr Friedrich, sondern Kanonier Nr. 3 und wurde nach Sibirien geschickt. Selbst dort konnte ihn nichts von seiner streng vegetarischen Lebensweise abhalten, jedes Fleischstückchen fischte er aus den dünnen Suppen und gab es den Kameraden. Das mag kein schlechter Beweis für seine Selbstdisziplin gewesen sein, aber der sudanesische Direktor konnte davon nichts ahnen.

Nach dem Krieg absolvierte Friedrich eine Lehre zum Maurer und anschließend in Magdeburg ein Architekturstudium.

In den Sudan verschlug es ihn dank seines Vorgesetzten bei der Berliner Bauakademie. Der wusste seine Beziehungen zum Außenhandelsministerium sorgfältig zu pflegen und schickte den jungen Hinkel rund um die Welt. Er errichtete Pavillons für internationale Messen und DDR-Industrieausstellungen, und begleitete Grabungsteams, für die er die Aufmaße und Zeichnungen anfertigte. Als jüngstes Projekt hatte er Pläne für den Wiederaufbau des kostbaren sudanesischen Löwentempels angefertigt.

Das qualifizierte ihn in einem gewissen Sinne. Aber Pläne zu zeichnen war etwas ganz anderes, als 2000 Jahre alte Tempel zu verpflanzen.

Zumal er die Adlerblicke etlicher Kollegen spürte, die den Auftrag gerne bekommen und zudem noch Geld und neueste Technik mitgebracht hätten. Friedrich Hinkel aber konnten weder die DDR noch der Sudan nennenswerte Mittel zur Verfügung stellen.

„Sie sind also der, der die Tempel in Güterwagen laden und als Sand wieder herausschippen will.“ – Die Worte eines Kollegen aus Frankfurt am Main weckten in Friedrich Hinkel für ein paar Minuten den Wunsch, krank zu werden, zurückzukehren nach Berlin, zur Frau und den beiden Töchtern, und ein braves Leben als Angestellter der Bauakademie zu führen.

Da würde er am Reißbrett Plattenbauten entwerfen.

Nein, er würde die Tempel retten, allein und ohne Geld. Die DDR stimmte seinem Vertrag mit der sudanesischen Regierung nach kurzem Zögern zu. Nur, dass seine Familie ihn nie komplett besuchen durfte, betrübte ihn. Eine der Töchter musste stets als Pfand daheimbleiben.

Kein weiterer Experte wurde ihm zur Seite gestellt, nur eine fünfzig Mann starke Truppe aus Dorfbewohnern und Nomaden. Die Unesco stiftete etwas Geld für die Löhne und Materialkosten. „Ruhig bleiben“, sagte Friedrich Hinkel zu sich selbst, – „und einfach bleiben. Dann ist alles möglich.“ Aus fünfzig Benzinfässern baute er eine Fähre, spannte ein Drahtseil über den Nil und ließ so die Tempelblöcke und sonstigen Altertümer zum anderen Ufer hinüberziehen, wo sich die Bahnstation befand.

Auf der anderen Seite des Ufers ließ er die Steinblöcke auf selbstgebaute Mahagoni-Schlitten verladen und zum Bahnhof ziehen. Zum Wiederaufbau der Tempel benutzte er wie die ursprünglichen Baumeister das Schaduf, einen im Boden verankerten Stamm des Zedernbaumes, an dessen Spitze ein Hebelarm hing.

Sicherer und billiger hätte er es nicht machen können. Ein einziger von 12 000 Steinblöcken riss in der Mitte durch. Der Kollege aus Frankfurt am Main beschloss, Friedrich Hinkel zu einem Vortrag einzuladen.

„Wie fühlten Sie sich nach der Rettung der Tempel?“ fragte ihn Jahrzehnte später die Regisseurin Ilona Ziok, die gerade an einem Dokumentarfilm über Friedrich Hinkel arbeitet. „Zufrieden mit mir selbst“, antwortete der alte Mann und gluckste vergnügt.

Der Vertrag mit dem Sudan wurde wieder und wieder verlängert. Friedrich Hinkel baute das Nationalmuseum in Khartum und das Ali Dinar Museum in Darfur, restaurierte die Inselstadt Suakin am Roten Meer und bewahrte im Pyramidenfeld von Meroe mehr als 100 Grabstätten vor dem Verfall.

Friedrich Hinkel liebte es, mit seinen Helfern, die zu Freunden geworden waren, auf dem Fußboden um eine dampfende Waschschüssel voller Hülsenfrüchte zu sitzen, nachts unter freiem Wüstenhimmel zu schlafen, morgens vom Ruf zum Gebet geweckt zu werden und zuzuschauen, wie die Sonne zuerst die nördlichste und dann alle anderen Pyramiden in ihr Licht tauchte.

Und weil ihm dieses Leben und seine Arbeit so gut gefielen, nahm er sich kaum die Zeit, es arbeitsfrei zu genießen. Friedrich Hinkel wurde getrieben von der ständigen Angst, dass jede Reise seine letzte sein könnte. „Was“, so überlegte er häufig, „wenn sie dir beim nächsten Mal den Reisepass verweigern? Dir einen Platz am Reißbrett zuteilen?“

Wenn am Himmel die Störche zu kreisen begannen, nahte der afrikanische Winter, und es war Zeit für die Heimreise. In Zürich auf dem Flughafen dachte er manchmal darüber nach, nicht nach Schönefeld weiterzufliegen. Aber was wäre das für eine Freiheit? Eine Freiheit ohne seine Familie und ohne sein Sudan-Archiv. Eine Freiheit ohne Aufgabe. Eine sinnlose Freiheit.

In Berlin angekommen, stürzte er sich auf die Auswertung seines Materials, publizierte Artikel und Bücher. Er wurde zum unentbehrlichen Sudan-Experten der DDR – und sicherte sich sein Reiseprivileg.

Die Fülle seiner Arbeit schützte ihn davor, sich mit seinen Neidern zu befassen. Da gab es die aus dem eigenen Land, Ägyptologen, die nie in Ägypten gewesen waren und nicht verstehen wollten, warum man ihn, den Architekten, ziehen ließ. Da gab es die aus dem Westen, die ihn einer politischen Mission verdächtigten und in den von ihm wieder aufgebauten Tempeln eine Ähnlichkeit mit Plattenbauten entdecken wollten.

Die Wende fiel mit seiner Verrentung zusammen. Und Friedrich Hinkel? Lehnte der sich zurück, genoss er es, dass endlich eingetreten war, wonach er sich sein Leben lang gesehnt hatte: Reisen zu können, so oft, so viel und mit wem er wollte? Neue Schwierigkeiten überdeckten diese Freude. Jetzt drängten andere in den Sudan, er selbst wartete lange vergeblich auf die nächste Einladung. Und die Institute der Akademie der Wissenschaften wurden aufgelöst, so dass er zunächst keine Heimat mehr für seine Publikationen hatte.

Da war sie, die Freiheit ohne Aufgabe, gegen die er sich schon auf dem Flughafen von Zürich gesperrt hatte. 44 Jahre lang hatte er Material gesammelt, sollte das verstauben? Und die Tempel von Meroe, wer sollte sie weiter restaurieren?

Erst 1996 konnte er seine Arbeit fortsetzen. Das Deutsche Archäologische Institut unterstützte seine Reisen, doch die Unesco gab kein Geld mehr für die Erhaltung der Tempel. Friedrich Hinkel suchte sich Touristen als Sponsoren. Er fuhr sie durch das Pyramidenfeld, begeisterte sie fürs alte Nubien und wies auf den Verfall hin. Bis ihn die Leute fragten: Wie viel kostet das denn? Mit 12 000 Euro könne er so eine Pyramide durchaus instand setzen, erklärte Friedrich Hinkel, Marmortafel mit Spendername inklusive.

„Ein Nachfolger“, so seufzt er öfter in dem Filminterview, und sein heiter-intelligenter Gesichtsausdruck macht tiefer Bekümmerung Platz, „ich brauche einen Nachfolger.“ Hatte er doch in seinem Keller in Weißensee genug Material, um 10 000 archäologische Plätze des Sudan beschreiben zu können. Und einen Tempel in Meroe, der abgebaut an einer windgeschützten Stelle liegt und auf seinen Wiederaufbau wartet.

Er starb an einer Krebserkrankung. Wie die Winde, die Touristen und die Kriege auch immer wüten mögen, es gibt ein kleines Haus in Weißensee, das den Schatz des Sudan wohlgeordnet verwahrt. Es bleibt die Hoffnung, dass sich ein würdiger Hüter findet. Anne Jelena Schulte

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben