Friedrichshain-Kreuzberg : Einsatz für Brut und Bäume

Mit Unterschriftensammlungen und Menschenketten wehrte sich eine Bürgerinitiative 2007 erfolgreich gegen die Abholzung zahlreicher Bäume in Friedrichshain-Kreuzberg. Jetzt beginnt ihr Kampf von Neuem: 222 Bäume will das Bezirksamt bis Ende des Jahres gefällt haben.

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Halten die Gründe des Bezirksamtes für vorgeschoben: Hier protestieren Kreuzberger gegen geplante Baumfällungen am Landwehrkanal (2007).
Halten die Gründe des Bezirksamtes für vorgeschoben: Hier protestieren Kreuzberger gegen geplante Baumfällungen am Landwehrkanal...Foto: dpa

Baumfällungen beschäftigen in Berlin derzeit nicht nur die Anlieger des Gendarmenmarktes: In Kreuzberg kämpft die 2007 gegründete Bürgerinitiative „Bäume am Landwehrkanal“ weiter gegen die Abholzung zahlreicher Bäume im Bezirk. 222 Bäume hat das Bezirksamt für das Jahr 2010 auf die Liste gesetzt, „von vielen sind schon nur noch die Stümpfe übrig“, sagt Anuschka Guttzeit, die die Initiative mitbegründet hat. „Die Baumfällungen sind in vollem Gange“, bestätigt auch das Bezirksamt.

Einige Anwohner sind darüber höchst verärgert: Bereits vor drei Jahren hatte die geplante Abholzung von 200 Uferbäumen, damals vom Wasserschifffahrtsamt angekündigt, heftige Proteste ausgelöst. Schließlich war es der Initiative gelungen, die Zahl der gelisteten Bäume auf 38 zu reduzieren. Ein seinerzeit ins Leben gerufenes Mediationsverfahren zur Zukunft des Landwehrkanals, an dem unter anderem Vertreter der Bürgerinitiative, der Reedereien und des Bezirksamts mitwirken, läuft noch immer erfolgreich. Dennoch hängt nun, drei Jahre später, die Damoklessäge abermals über diversen Bäumen im Kiez. Die Mitglieder der Initiative glauben nicht, dass Fällungen in dem vom „Amt für Umwelt und Natur“ verordneten Maße notwendig sind. „In der Vergangenheit von uns in Auftrag gegebene Gutachten haben gezeigt, dass nur ein Bruchteil der vom Amt beschlossenen Abholzungen ökologisch gerechtfertigt sind“, sagt die 43-jährige Aktivistin. Hinzu komme, dass derzeit gefällt werde, und das, obwohl das Naturschutzgesetz Baumbeseitigungen während der Brutperiode vom 1. März bis 31. August verbietet.

„Die radikale Abholzung der Bäume im Kiez ist furchtbar", klagt Guttzeit. Und die Informationspolitik der Behörde sei skandalös. Erklärungen habe es von Seiten des Bezirksamtes nie gegeben, entsprechende Listen seien erst auf die wiederholte Aufforderung der Anwohner hin online gestellt worden, allerdings wenig aussagekräftig und dafür reich an Fehlern gewesen. Schriftliche Anfragen habe das Amt nie beantwortet. Auch Reaktionen auf das Schreiben des umweltpolitischen Sprechers, Mirko Assatzk (Linke), blieben bislang aus. In seinem Brief hatte Assatzk unter anderem Erklärungen dazu gefordert, weshalb bei den 222 ausgesuchten Bäumen „so plötzlich eine Gefährdung der Verkehrssicherheit“ bestehe, dass damit nicht bis nach der Fortpflanzungsperiode gewartet werden könne. Außerdem hatte er um Auskunft darüber gebeten, welche Gutachten den Entscheidungen des Bezirksamtes zugrunde liegen und wie viel Geld durch den Holzverkauf eingenommen wird.

Gegen den Vorwurf, das Bezirksamt verfolge mit der Abholzung wirtschaftliche Interessen, verwahrt sich Ursula Meyer, Referentin der Bezirksstadträtin für Bauen, Wohnen und Immobilien, Jutta Kalepky, ausdrücklich. „222 Bäume sind aus Sicht der Anwohner eine ganze Menge“, sagt Meyer, angesichts eines Baumbestandes von 46 000 Bäumen im Kiez sei das aber ein ganz normaler Prozentsatz von erforderlichen Fällungen pro Jahr. Bei den derzeit durchgeführten Baumbeseitigungen handele es sich um unumgängliche Einzelfälle, in denen der Zustand der Bäume so kritisch sei, dass sie andernfalls eine Gefahr für Mensch, Tier und Verkehr oder umstehende Bäume bedeuteten. Bäume, in denen sich Nester befinden, würden aber nicht gefällt - sondern stattdessen weiträumig abgesperrt.

Guttzeit und ihre Mitstreiter bleiben dabei: „Wir haben den Eindruck, dass viel zu leichtfertig Bäume gefällt werden.“ Die Geduld der Anwohner sei aufgebraucht. „Hier muss sich grundlegend etwas im Denken ändern.“

Weitere Informationen zum Entwicklungsstand des laufenden Mediationsverfahrens unter www.landwehrkanal-berlin.de.

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