Berlin : Fröhliche Witwen

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Von Christian van Lessen

Ältere Damen eines gewissen Bezirks haben den Ruf, oft bestens versorgt und unbeeindruckt vom wirklichen Leben die Pension des verblichenen Gatten zu verprassen; ständig Torten in sich reinzuschaufeln, alten Zeiten nachzutrauern, auch kleinste Einkäufe selbstredend nur im KaDeWe zu erledigen.

Seit ihnen Volker Ludwig vor mehr als 15 Jahren im Musical „Linie 1“ ein Denkmal setzte, gelten sie als selbstgerechtes Symbol des Berliner Westens von heute, gestern und vorgestern. Wohlmeinende fordern stets vergeblich, es müsse mit dem Klischee mal Schluss sein. Nun schrieb uns ein Gewährsmann vom Rüdesheimer Platz, dass er dort auf fünf ältere Damen aufmerksam wurde. Sie hatten sich, kurz ihrer Gatten gedenkend, am Tisch eines feinen Weinausschanks niedergelassen, eine Decke ausgebreitet und Proviant ausgepackt. Auch Besteck holten sie aus ihren Taschen und Täschchen heraus.

Doch es war kein normales Besteck, sondern stammte von allen möglichen Fluggesellschaften: Von Qantas, Singapore Airlines oder auch Swissair. Alles geklaut in Jahren, als die Bestecke in den Flugzeugen noch durchgehend aus stabilem Metall waren.

Die Damen vergnügten sich bei Salami, Schinken und Wein, sie schwelgten in Erinnerungen an Raubzüge im internationalen Flugverkehr. Das waren noch Zeiten, rief eine. Der Gewährsmann, der das hörte, war entsetzt über die kriminelle Klischee-Clique am Nachbartisch. Ein Symbol scheint ins Wanken zu kommen.

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