FÜNF  MINUTEN  STADT : Der Kuss

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Eine milde Nacht in Kreuzberg, vielleicht die letzte des Jahres. Irgendwo in den Häuserschluchten zwischen Friedrich- und Wilhelmstraße erbricht sich ein Mann. Steht er im verlassenen Parkhaus? Hinterm Bolzplatz? Auf der Hundewiese? Sein Husten, Würgen, Spucken, Stöhnen dringt hinauf zu den Balkonen ringsum, es kommt näher, entfernt sich, kommt wieder näher, hört nicht auf. Es ist, als ginge der Mann kotzend spazieren. Nun hat er die Büsche des Theodor-Wolff-Parks erreicht, hustet, würgt, spuckt, stöhnt. In der Stille danach hört man die Menschen auf ihren Balkonen hinunterlauschen: Geht das noch weiter? Wie oft kann ein Mensch sich übergeben? Dann taucht der Mann zwischen den Altglascontainern in der Franz-Klühs-Straße auf. Er lehnt sich an, hustet, würgt, spuckt ein letztes Mal, sein Sputum klatscht auf den Asphalt. Jetzt, endlich, scheint der Krampf sich gelöst zu haben, der Mann schüttelt seine Glieder, überprüft seine Garderobe, eine neue Kraft fährt in ihn, er hat, was immer ihn plagte, offenbar überstanden. Sich zu seiner wahren Gestalt erhebend überquert er die Straße. Unter dem Vordach des Supermarkts, im Schein schmutziger Lampen, wartet eine Frau. Als sie den Mann auf sich zukommen sieht, öffnet sie die Arme, er schlüpft hinein. Die beiden küssen sich. Eine milde Nacht in Kreuzberg, vielleicht die letzte des Jahres. Dirk Gieselmann

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