FÜNF  MINUTEN  STADT : Mit fremden Nadeln

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Ein Handarbeitsladen in Prenzlauer Berg. Wollknäuel in den Regalen, Stricknadeln unter dem Schaufensterbrett. Im vorderen Geschäftsraum suchen einige Damen nach passender Wolle für Schals und Strümpfe, im hinteren Zimmer zieht ein Herr mittleren Alters, elegant gekleidet, zwei Ringe an der Hand, gerade einen handgestrickten Pullover über. Er betrachtet sich im Spiegel. Das Stück ist aus naturfarbener Schafwolle, grob geperlt, genau das Richtige für kalte Winterabende. Der Herr bedankt sich überschwänglich bei der Verkäuferin, die ihm den Pullover aus dem Lagerraum nebenan hervorgesucht hat. „Wunderbar“, sagt er, „der passt ja ganz genau.“ „Ja, das hat die Kollegin wirklich gut gemacht“, sagt sie und nennt einen geringen Betrag – „wie mit ihr abgesprochen.“ Man hört von ferne zu und wundert sich. Erstens kostet das Material schon ein Vielfaches, die vielen Arbeitsstunden kämen noch dazu. Zweitens arbeiten hier doch gar keine professionellen Strickerinnen. Liegt dem Herrn etwa an Handarbeit? Mochte er sich keinen gewöhnlichen Pullover in einem gewöhnlichen Geschäft kaufen? Da kommen Verkäuferin und Kunde nach vorn zur Kasse. „Ich bedanke mich noch einmal recht herzlich“, sagt er zu der Verkäuferin, die das Stück nun in einer großen Tüte verstaut, „bitte richten sie das auch ihrer Kollegin aus. Meine verstorbene Frau hat mir den Pullover gestrickt und ihn nicht mehr fertig bekommen. Ich werde ihn sehr in Ehren halten.“ Christiane Tewinkel

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