FÜNF  MINUTEN  STADT : Salonpiraten

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Ein Hausmusikabend in Moabit. Bach, Haydn, Beethoven, Violine und Klavier. Ein Hobby im lockeren Freundeskreis, viele der Gäste gehen auf die 60 zu. Auf dem Küchentresen steht eine Spendenkasse; die Geigerin sammelt für abgeschobene, von ihren Familien getrennte Migranten. Ein Gast hat dem Hausherrn eine schwarz gebrannte DVD mitgebracht: „Schade, dass Beton nicht brennt“. Vor ein paar Tagen, erzählt er, lief der Film in der Regenbogenfabrik. Er war mit seinem Sohn dort, der sollte mal sehen, wie es damals war in Berlin in den frühen Achtzigern. Papa, komm, erzähl vom Häuserkrieg. Man beglückwünscht den Hausherrn zu seinem vorzüglichen Klavierspiel, es gibt Quiche, selbst gemachtes Taboulé, guten Rotwein. Je später es wird, desto mehr wird über früher geredet. Wo wurden damals die härteren Schlachten geschlagen – im Beton-Film oder in „Züri brännt“? Man kennt sich seit Hausbesetzerzeiten, hat im Tischlerkollektiv gearbeitet und bei Demos Straßenmusik gemacht. Heute jettet man zu internationalen Kongressen und schart sich in einer 200-Quadratmeter-Jugendstilwohnung um den Flügel. Am nächsten Tag kommen die Piraten auf fast 9 Prozent. Im Fernsehen heißt es, auch viele ältere Berliner hätten für sie gestimmt. Christiane Peitz

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