FÜNF  MINUTEN  STADT : Sehr wichtig

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Ein Bolzplatz in Kreuzberg, Sonntag, 10 Uhr. Ein Vater und sein Sohn, vielleicht sechs Jahre alt, vielleicht sieben, betreten den Fußballkäfig. Der Vater stellt orange-weiße Hütchen in eine Reihe, der Sohn dribbelt im Slalom durch den Parcours. Die Kommandos des Vaters hallen von den Häuserwändern wider. „Rechts! Links! Rechts! Links! Was ist los, hast du keine Lust? Schneller! Ball eng führen!“ Der Sohn hält die Augen auf den Ball gerichtet, der Vater wischt mit der Hand das Herbstlaub zwischen den Hütchen weg. „Ich weiß, du willst lieber aufs Tor schießen. Aber das hier ist sehr wichtig! Es ist sehr wichtig! Komm, mein Sohn! Noch zehn Mal!“ Der Sohn macht eine Pause, die Wasserflasche führt er mit beiden Händen an seinen Mund, dann trottet er zurück. „Zeig mir, was du draufhast! Nur eine Berührung! Du läufst zwei Schritte zu viel! Und jetzt ran! Genau! Super!“ Der Vater fingert eine Zigarette aus der Jackentasche, sein Blick klebt an seinem Sohn, das Feuerzeug fällt ihm auf den Boden. „Du kannst es schneller. Bist doch keine Oma! Gib dir Mühe!“ Der Vater geht ins Tor, der Sohn darf jetzt nach jedem Slalom schießen. Ein Schuss fegt dem Vater fast die Mütze vom Kopf. Beide lachen, der Sohn rennt kreischend davon, der Vater verfolgt ihn. Als er das Kind eingeholt hat, drückt er es kurz ganz fest an sich, der Sohn quiekt vor Freude. Der Vater richtet sich auf und bringt die Hütchen, die ein kleines bisschen verrutscht sind, wieder in eine gerade Linie. „Los, komm!“ Lars Spannagel

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