FÜNF  MINUTEN  STADT : Spatzen und Katzen

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Ein Hochhaus in Kreuzberg. Der Fahrstuhl fährt abwärts. Darin zwei blauhaarige Greisinnen, in Sorge um ihre Katzen: In einem unbeaufsichtigten Moment könnten sie vom Balkon stürzen. Wenn der Vertreter klingelt, wenn die Kartoffeln kochen, wenn die Wollwäsche schleudert. „Oder jetzt, kurz zu Kaiser’s, und schon ...“ Die Aussicht ist ja schön, die Stadt da unten, der Himmel obendrüber, gerade jetzt, wo der Sommer doch noch mal zurückkommt. Aber die Höhe! Man traut sich kaum noch, ans Telefon zu gehen. „Wenn die Katze einen Spatz sieht, springt sie ihm hinterher.“ Aber haben Katzen nicht sieben Leben? Oder nur eines, wie Greisinnen? Der Fahrstuhl rast in den bodenlosen Abgrund. Siebzehn Stockwerke. Wann kommt mal wieder Besuch? Wann ruft der Sohn mal wieder an? Ist die Rente wirklich sicher? „Ich hab den Balkon verrammelt.“ – „Ja.“ – „Jetzt können wir nicht mehr draußen sitzen.“ Es gibt keine Bremse, nirgends eine Bremse, der Fahrstuhl fällt, die Greisinnen rüsten ihre Einkaufswägelchen. Dann öffnet sich die Tür. Das Licht im Erdgeschoss. „Ach, wissen Sie was? Wer seine Katze liebt, der schafft sich besser gar keine an.“ Dirk Gieselmann

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