Für ALLE Felle : Für ALLE Felle

Sie verweigern den Gehorsam, machen, was sie wollen: unsere Haustiere Was tun? Die Tiertherapeutin weiß es.

Protokoll: Susanne Leimstoll

DAS PROBLEM

Mikie, das sind 35 Kilo Staffordshire-Mischling, 2 Jahre alt, kastriert. 35 Kilo Hund, die sich ein halbes Jahr lang mit Wucht in die Leine schmissen und attackierten, sobald ein anderer Hund sich näherte. Beim Versuch, Mikie zurückzuziehen, bekam Frauchen Silvie C. aus Spandau – Single, Mitte 40, zarte 60 Kilo Lebendgewicht – von ihrem Liebling auch eins mit: Der Terrier biss sie in den Oberschenkel.

DIE LÖSUNG

Mikie wurde neun Monate zuvor am Ellbogen operiert und musste acht Wochen in Schonhaltung an der kurzen Leine geführt werden, damit er nicht sprang, zerrte oder tobte. Nun hat jeder Hund eigentlich vier Möglichkeiten, auf Bedrohung, Stress, Frust zu reagieren – mit den vier F’s: freeze (zur Salzsäule erstarren), flight (abhauen), flirt (ablenken) oder fight (kämpfen). Mikie an der Leine nicht. Flüchten ging nicht und wäre auch nicht terriertypisch, Erstarren kommt vielleicht für den Laborbeagle infrage, Ablenkungsmanöver klappen an der Leine schlecht. Mikies Leben war seit der OP trist. Kontakt zu anderen Hunden: Fehlanzeige. Da spielte der frustrierte Terrier eben Rambo.

DIE DIAGNOSE

Frustrationsbedingte Leinenaggression gegenüber Hunden, umgerichtete frustrationsbedingte Aggression gegenüber der Besitzerin.

DIE THERAPIE

Silvie und Mikie gingen in den kommenden Wochen immer mit Leckerlis in der Tasche Gassi. Wenn ein anderer Vierbeiner sich näherte, bekam Mikie ein Stückchen Wurst. Irgendwann kapierte er: Anderer Hund bedeutet Lust. Sobald er schon sabberte, wenn nur ein Hund ins Blickfeld kam, konnte Silvie mit dem Antrainieren des Alternativverhaltens beginnen: „Sitz und guck mich an!“ Das funktionierte. Warum dann zuvor der Quatsch mit dem Füttern? Weil sich Mikies Emotionen sonst nicht verändert hätten, die Wut, dass da ein Konkurrent durchs Bild läuft, wäre geblieben. Einem weniger futtermotivierten Hund hätte vielleicht ein Ball als Motivation genügt. Mikie nicht. Etwa zehn Wochen dauerte das Training, 15 Termine benötigte Silvie bei mir. Ein Dreivierteljahr nach der ersten Attacke ging der Mischling völlig entspannt an Artgenossen vorbei. Silvies Oberschenkel ist nun definitiv sicher. Protokoll: Susanne Leimstoll

Dr. Ulrike Werner ist Tierärztin und Tierverhaltenstherapeutin mit mobiler Praxis. Auf dieser Seite schildert sie echte Fälle aus ihrem Alltag. Alle genannten Namen sind anonymisiert.

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