Berlin : Für den Rock das letzte Hemd

Alle sparen – nur nicht, wenn die Stones und andere Stars nach Berlin kommen. Die Konzertveranstalter freuen sich auf ein gutes Jahr

Christine-Felice Röhrs

Eine merkwürdige Krise ist das. Die Stadt hat kein Geld, das Land hat kein Geld, Jammerei allüberall – und die Menschen kaufen sich die teuersten Pop-Konzertkarten aller Zeiten: Bis zu 94,30 Euro zahlen die Fans für die Rolling Stones am 15. Juni im Olympiastadion. Dennoch sind fast alle Tickets weg: 52 000 waren seit Mitte Dezember im Vorverkauf, jetzt sind es nur noch 4000. „Und die werden in vier Tagen verkauft sein“, sagt Ulrike Hansmann-Gross, Sprecherin des Veranstalters, der Deutschen Entertainment AG (Deag). „Ein gutes Zeichen fürs neue Jahr.“

Im vergangenen Jahr ist es der Branche nicht gut ergangen. Aus einer Umfrage des Verbandes der Deutschen Konzertdirektionen, dem deutschlandweit 235 Agenturen angehören, geht hervor, dass die Hälfte der befragten Mitglieder gerade mal „knapp ausreichende Umsätze“ erwirtschaftet hat. Auch Klaus Höth von der Konzertkasse Zehlendorf, der seit 20 Jahren im Geschäft ist, schätzt, dass er „10 bis 15 Prozent weniger Umsatz“ hatte. Die Nachwirkungen des 11. September hatten den Menschen die Lust verdorben, und was der Euro bringen würde, war auch noch nicht klar. Es war wie überall – die Berliner hielten ihr Geld zusammen.

Das wird im kommenden Jahr anders, sagen Veranstalter wie Kartenverkäufer. Ulrike Hansmann-Gross erwartet für die Deag sogar „sehr gute Bilanzen“. Denn 2003 wird ein Konzertjahr voller Höhepunkte. Robbie Williams ist schon jetzt ausverkauft, REM ist beliebt, die Red Hot Chili Peppers sind es auch, dann gibt es noch eine große Nabucco-Aufführung, Rosenstolz will wieder auf die Bühne und nicht zuletzt André Rieux.

Dass das Berliner Stones-Konzert ausverkauft sein wird – und zwar die teuersten Plätze zuerst – sei ein gutes Zeichen, sagen die Experten. Offenbar stört es selbst in Krisenzeiten die Fans nicht, dass die Preise sich seit dem ersten Konzert 1965 fast verzehnfacht haben: von 20 Mark auf bis zu rund 95 Euro im Juni – während andere Waren „nur“ dreimal teurer geworden sind.

Die Kartenagenturen betrachten diese Entwicklung mit Sorge, seit mit dem Phil-Collins-Konzert vor acht Jahren zum ersten Mal die 100-Marks-Grenze pro Ticket überschritten wurde. Immer aufwändiger werden die Konzerte von Topstars. Miete, Sicherheit, Strom und Wasser, Bühnenaufbauten, Werbung und schließlich die Gage kosten den Veranstalter etwa zwei Millionen Euro. Rund 80 Prozent der Einnahmen bekommt der Künstler. Der Gewinn des Veranstalters liegt schließlich bei etwa einem Zehntel der Erlöse – wenn das Konzert ausverkauft ist. Eine Menge Risiken, die sich alle auf die immer höheren Ticket-Preise niederschlagen. Nur Schwarzgucker muss der Veranstalter heute nicht mehr einkalkulieren, zumindest bei den Stones. Mit denen sind schließlich auch die Fans älter und solider geworden. Sie sind nicht mehr wie 1965, beim ersten Konzert. Vom dem erzählt ein Fan: „20 Mark sollte der Eintritt kosten – ein Schweinegeld. Wir hatten die Kohle nicht und beschlossen, umsonst reinzugehen. Gleich an der S-Bahn haben wir die erste Bullensperre zur Seite gedrückten. Dann kam kurz vor der Waldbühne eine berittene Staffel. Wir sind auch da durchgebrochen. Dann nur noch eine ganz leichte Sperre direkt an der Waldbühne. So waren wir schließlich mit 200 Leuten umsonst drin, ganz vorne. Und die Leute, die bezahlt haben, sind nach uns zum Teil nicht mehr reingekommen.“

Das Konzert hat bekanntlich mit einer Massenschlägerei geendet.

Karten: über Telefon 01805/772003. Oder im Internet: www.rollingstones2003.de

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