Berlin : Für eine Handvoll Wuhlis

Geld verdienen, den Führerschein machen, Bürgermeister werden: In FEZitty machen Kinder Staat

Stefan Jacobs

„Erwachsene bitte draußen warten“, steht am Eingang zur Sparkasse. Es ist Dienstagvormittag, hinter dem Schalter werden gerade die ersten Bankkaufleute geschult, ein paar Schritte weiter am Einwohnermeldeamt hat sich eine lange Schlange gebildet: FEZitty ist wieder da, die Ferienstadt für Kinder in Berlins größtem Freizeitzentrum, dem FEZ in der Köpenicker Wuhlheide. Wie zuletzt vor zwei Jahren können Kinder von sieben bis 14 Jahren ganz allein Staat machen: Geld verdienen und ausgeben, reisen, lernen, lehren, den Führerschein erwerben und sogar Bürgermeister werden. Manche kommen nur für einen Tag, viele für eine Woche und manche für die ganzen Ferien. Bei 150 Berufen in 56 Betrieben plus unüberschaubarem Freizeitangebot ist genug Beschäftigung für die vollen sechs Wochen drin.

Der Teil des FEZ-Palastes, der sonst die Sporthalle ist, heißt jetzt „Neustadt“ und beherbergt das Gewerbegebiet. In der Buchbinderei verleimen drei Mädchen gerade Papierstapel zu Notizblöcken. Natürlich müssen die Blätter akkurat zwischen die Zangen geklemmt sein, denn für zweitklassige Ware wird der Großhändler weniger „Wuhlis“ zahlen. Wer eine Stunde durchhält, bekommt fünf Wuhlis brutto. Einer davon geht ans Finanzamt. In früheren Jahren wuchs der Geldumlauf oft schneller als das Warenangebot, so dass spätestens nach der Hälfte der Ferien die Inflation um sich griff und ein Notizblock nicht mehr drei, sondern vier, fünf Wuhlis kostete.

Nebenan in der Töpferei nehmen die ersten Figuren, Krüge und Schalen Gestalt an. In der Spielefabrik wird ein Kicker gebastelt: in einem Schuhkarton, mit Holzstäben und Korken als Griffen. Bei der Fahrschule hinter dem Gewerbegebiet geht es noch ruhig zu. Aber schon bald werden die Ersten durch den Schilderwald rauschen – und zwar mit frei fahrenden Elektro-Beetles, die die Wolfsburger Autostadt als einer von vielen Sponsoren nur deshalb zur Verfügung gestellt hat, „weil das hier das großartigste Projekt ist, das uns aus Europa bekannt ist“. Das bevorstehende Wirtschaftswunder zeichnet sich auch am Jobcenter ab, an dem die Kinder sich für Arbeitsplätze anstellen. Anders als im wahren Leben sind hier fast 900 Jobs zu vergeben, wobei der Straßenkehrer genauso bezahlt wird wie der Sparkassendirektor. Allerdings arbeitet die Stadtreinigung hart. Vor zwei Jahren trat sie in den Streik, weil die Bürger der Ferienstadt ihren Müll überall fallen ließen. Wer mindestens vier Stunden gearbeitet hat, darf als Vollbürger ein eigenes Geschäft eröffnen.

Am komfortabelsten lässt sich der Weg von der Altstadt ins Grüne übrigens mit der eigenen Fähre zurücklegen. Und große Strecken, etwa zum Ausgang, lassen sich auch mit der Parkeisenbahn bewältigen. Aber wer will schon zum Ausgang? Gut möglich, dass bald auch Psychologen gefragt sein werden: Schon mancher Stadtbürger hat geweint, bevor er mit den Eltern in den Urlaub fahren musste – irgendwo hin, wo das Leben nicht so bunt ist wie hier.

FEZ, An der Wuhlheide 197, Tel. 530 71 -0. S3 bis Wuhlheide oder Tram 27, 63, 67. Di.-Fr., So. 11-18 Uhr, Sa. 13-18 Uhr. Stadtausweis: 2 Euro, Wochenausweis: 5 Euro, Gäste: 1 Euro (www.fezitty.de)

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