Berlin : Für einige Soldatinnen ist die Julius-Leber-Kaserne schon ganz normaler Arbeitsplatz

Lars von Törne

Aus dem Gebäude dringt der Klang einer Trompete . Drinnen hängen bunte Konzertplakate an den Wänden. Aus einem Zimmer ist ein Waldhorn zu hören. Sabine Lamers übt für die Orchesterprobe. Wer die junge Frau an ihrem Arbeitsplatz besucht, könnte meinen, in einer Musikschule gelandet zu sein, oder vielleicht auch beim Blasorchester eines öffentlich-rechtlichen Rundfunksenders. Weit gefehlt. Das Gebäude gehört zur Julius-Leber-Kaserne in Wedding. Hier hat das Heeresmusikkorps 400 / Stabsmusikkorps Berlin seinen Sitz. Und die Musikerin am Waldhorn ist Soldatin, Feldwebel Sabine Lamers.

Sie ist einer von 42 weiblichen Soldaten, die derzeit in der Leber-Kaserne Dienst leisten. Zusammen mit 1300 männlichen Kameraden. Seit einem Jahr spielt die 25-jährige Diplommusikerin das Waldhorn im Blasorchester des Musikkorps. Neben Feldwebel Lamers gibt es nur zwei weitere Frauen im Ensemble. Und 60 Männer. Als Exotin in der Männerdomäne Bundeswehr fühlt sich die Musikerin aber nicht. "Die Männer haben sich an uns gewöhnt", sagt sie und fährt sich mit der Hand durch die kurzen, roten Haare. Zum großen Teil unterscheide sich ihr Berufsalltag in der Kaserne nur wenig von einer zivilen Musikerkarriere. "Bis auf die Uniform spüre ich kaum, dass ich ein Soldat bin", sagt sie. "Eigentlich ist das hier auch nicht anders als in jedem beliebigen Stadtorchester." Täglich stehen Proben auf dem Programm, allein und im Orchester, hin und wieder ein Auftritt. Nach Feierabend verlässt sie die Kaserne und fährt heim zu Mann und Hund. Nur der tägliche "Funktionsdienst" dürfte zivilen Musikern fremd sein: Dort übt das Orchester Disziplinen wie das Marschieren in Fünferreihen, damit beim nächsten Staatsempfang keiner aus der Reihe fällt.

Bis vor zwei Jahren hätte sich Sabine Lamers kaum träumen lassen, bei der Bundeswehr zu landen und sich ihren Lebensunterhalt als Soldatin zu verdienen. Sie studierte Musik in Düsseldorf, ihre Instrumente waren Klavier und eben das Waldhorn. Nach dem Diplom suchte sie eine Stelle bei einem Orchester, ohne Erfolg. Dann kam ihr die Idee, es einmal bei der Bundeswehr zu versuchen. Wer sonst leistet sich den Luxus eines Blasorchesters mit festangestellten Musikern? Von da an ging alles ganz schnell. Aufnahmeprüfung, Vorspielen, Fitnesstest - und dann die Stelle in Berlin. So wurde aus der Zivilistin Lamers eine Soldatin.

Ihre Grundausbildung absolvierte sie in Ostfriesland. 160 Rekruten, davon 60 Frauen, die gemeinsam in einem Gebäude untergebracht waren. Zwei Monate lang lernten männliche und weibliche Soldaten gemeinsam zu marschieren, sich im Gelände durchzuschlagen . Für manche Frauen war das ein Schock, erinnert sich Lamers. "Die kamen frisch von der Schule und hatten völlig falsche Vorstellungen." Die Ausfallrate war hoch. "Von 60 Mädels sind 40 dabeigeblieben." Sie selbst habe wenig Probleme gehabt. "Ich war bei den Pfadfindern", sagt sie und lacht, "da bin ich einiges gewohnt gewesen".

Nicht gewohnt war sie allerdings, auf Menschen zu schießen und bei simulierten Angriffen beschossen zu werden - wenn auch nur mit Platzpatronen. Obwohl Frauen bisher in der Bundeswehr nicht im Waffendienst eingesetzt werden dürfen, gehört der Umgang mit der Waffe doch zur Grundausbildung auch der weiblichen Soldaten - damit sie sich in Konflikten selbst verteidigen können. Ein Gewissensproblem habe sie damit nie gehabt, betont Sabine Lamers. "Waffen gehören nun einmal dazu, wenn man bei der Bundeswehr ist", sagt sie lakonisch. Der Gedanke an Töten und Getötetwerden sei Teil des Jobs. "Dazu gehört auch, dass man nach einem Auslandseinsatz möglicherweise in einem blauen oder schwarzen Sack wieder zurückkommt."

"Der Umgang mit Waffen ist für mich kein Problem", sagt auch Berit Vetter. Die junge Frau mit dem blonden Bubikopf hat ihren Arbeitsplatz ein paar Gebäude neben dem Heeresmusikkorps. Sie ist seit fünf Jahren beim Bund und hat sich zum Sanitätsgruppenführer des Wachbataillons Berlin hochgearbeitet. Sie leitet die Soldaten an, die im Standortsanitätszentrum der Kaserne arbeiten. Sieht sie einen Widerspruch darin, als Soldat das Schießen auf Menschen gelernt zu haben und als Sanitäterin für die Pflege der Verletzten zuständig zu sein? "Das sind schon zwei ziemlich entgegengesetzte Aufgaben", sagt sie nachdenklich. "Ich bin mir nicht sicher, ob ich es im Ernstfall mit meinem Gewissen vereinbaren könnte, auf Menschen zu schießen."

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