Berlin : Für Heidi in Amerika

Hirschhorn goes Hollywood: Zwei Berlinerinnen entwerfen Alpenmode nicht nur für das Oktoberfest in München – sondern für den Alltag. Ihre Kleider gibt es bald in Los Angeles zu kaufen

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Der Robertson Boulevard in West Hollywood, Los Angeles, ist eine feine Adresse. Es gibt viele Boutiquen, Mode, Marken, Accessoires. Eins der Geschäfte heißt „Horn“. Bei „Horn“ kaufen Prominente ein, Cameron Diaz oder Heidi Klum. Bei „Horn“ gibt es ausgefallene Sachen, Cowboyhüte, falls einem nach Western ist, und ab dem Frühjahr auch Trachtenmode, falls einem nach Bergen ist. Die hat eine Einkäuferin von „Horn“ in Berlin bestellt. Am 16. Juli, dem ersten Tag der Modemesse „Premium Plus“.

Seitdem müssen zwei junge Frauen am Zionskirchplatz aufpassen, dass sie nicht durchdrehen.

Carolin Simenus und Zerlina von dem Bussche sind Modedesignerinnen, 28 und 24 Jahre alt, jung also, und wenn das so weitergeht, auf dem Weg nach oben. Sie sitzen in der Küche einer kleinen Wohnung, die sie als Atelier nutzen. Carolin Simenus ist die ältere und auch die lautere. Sie sagt, dass sie „respektvoll“ mit Trachten umgehen, dass sie deren „Vielfalt und Schönheit entstauben“ wollen. Und, dass die Frauen in Österreich und Süddeutschland wie selbstverständlich ihre Trachten tragen, nicht nur an diesem Wochenende, da in München das Oktoberfest begonnen hat. Die beiden haben Mäntel mit Hirschhornknöpfen in Herzform entworfen, Hotpants mit Geweihstickerei, taillierte Armeejacken mit Puffärmelcharme und Blusen mit Schleife am Hals, die Farben: olivgrün, rot, schwarz und weiß. Alpiner Ethnolook. Wegen Simenus, deren Familie wohnt in Österreich. Ihr Label heißt „Sisi Wasabi“. Sisi für die österreichische Kaiserin und Wasabi wie die scharfe Rettichpaste, die man zu Sushi isst. Die scharfe Sisi also. Das hat sich Carolin Simenus schon ausgedacht, als sie noch an der Modeschule Esmod in Berlin studierte. Da haben die beiden Frauen sich kennen gelernt – und Zerlina von dem Bussche hat die Trachtensache mitgemacht. „Jede Zeichnung geht durch beide Köpfe“, sagt sie, die Jüngere, die aus dem Emsland stammt. Sie kritisierten sich auch und gingen sich unter Stress hart an. Ihre Freundschaft hielte das aus, sagt sie.

Dabei ist Stress seit sechs Monaten. Sie besuchen Messen und verkaufen, ihre Sachen hängen schon in noblen Skiorten wie Gstaad oder Cortina d’Ampezzo, sie machen Fotos, suchen Stoffe und Produktionsfirmen, feilen an Logistik, dabei müssten sie eigentlich längst die Wintersachen für 2005-2006 entwerfen. Und dann ziehen sie auch noch mit ihrem Atelier um, in eine Remise Ecke Invaliden- und Brunnenstraße.

Wenn die Neuberlinerinnen neue Entwürfe suchen, ist das auch Archivarbeit. Sie begucken alte Bücher, Filme oder Kataloge und überlegen, was man da draus machen könnte. „Wir fragen uns: Würden wir das tragen“, sagt Carolin Simenus. Die Sachen auf der Stange sind klein, Größe 36. „Für die Modeschauen. Wir passen da nicht rein“, sagt Zerlina von dem Bussche und stützt ihre Hände auf die Hüften. Sie selber tragen Größe 40. Das ist die Figur, die sie sehen wollen. Sie freuen sich über Busen, Bauch, Po. Damit sehen Trachten erst gut aus, finden sie. Auch, wenn der Oktoberfestrausch verzogen ist. ari

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