Berlin : Für Laster ist es nie zu spät

Udo Jürgens präsentierte sich und seine neue CD

Stefan Jacobs

Udo Jürgens sieht wieder mal aus, als hätte er noch mindestens zehn Jahre bis zur Rente, als er am Freitagmittag in den Adagio-Club am Potsdamer Platz geschlendert kommt. Der 69-Jährige stellt dort seine neue CD vor. Es ist ein Live-Album, das aus einem Mitschnitt in München entstanden ist und „Es lebe das Laster“ heißt. Und der Adagio-Club ist eine schwach beleuchtete und noch schwächer belüftete Höhle, in der die gefühlte Uhrzeit immer bei etwa 22 Uhr liegt. Udo Jürgens kämpft sich durch die Blitzlichtgewitterwand Richtung Podium. Er trägt eine blau-beige Krawatte und ein dunkles Einstecktuch und würde wie ein Wirtschaftspolitiker wirken, wenn er nicht zur Begrüßung „Liebe Freunde von der Presse!“ gesagt hätte.

Als er in seiner kurzen Rede erzählt, wie er das erste Mal nach Berlin kam – „das war an einem ruhigen Tag zwischen zwei Bombenangriffen“ – da zuckt man kurz zusammen: Opa erzählt aus dem Krieg, aber er sieht aus wie Papa. Die meisten seiner Platten habe er im Berliner Hansa-Studio produziert, sagt Jürgens und berichtet, dass die Live-Aufnahmen auf seinem neuen Album kaum nachbearbeitet wurden – anders als bei manchen Kollegen, bei denen am Ende fast nur der Applaus noch echt sei. Es klingt nicht gehässig. Jürgens sagt sonst nicht viel, sondern zeigt lieber einen Film, den sein Bruder während der Tour gedreht hat. Vielleicht erscheint das Werk bald auf DVD. Im Titelsong „Es lebe das Laster“ geht es um einen Spießer, der niemals so richtig versackt ist, wegen der Hautkrebsgefahr sonnige Strände mied und nie das Finanzamt betrog. Jetzt ist er tot – sein Leben zu Ende, das nie richtig angefangen hatte. Es ist ein Lied zum Mitklatschen. Selbst den Journalisten im Club beginnen die Füße zu wippen.

Jürgens wirkt glaubwürdig, wenn er am Flügel sitzt und solche Texte singt. Auch wenn er gerade erst gestern Abend wieder im Dienst einer Diätsahne durch die Küchentür eines Werbespots platzte, um „Aber bitte mit Rama“ zu singen. So fit wie die Sahne ist auch der Sänger. Der Teint gesund, kein Bauchansatz zu sehen, und so reimt er unverlacht „Urlaubssonnenliegenreservierer“ und „Charterflugzeuglandungsapplaudierer“.

Über 400 000 Besucher sind zu Jürgens’ letzter Tournee gekommen. Es war die 18.; die 19. verspricht der Mann von der Plattenfirma für Anfang 2006, der Termin für die 20. stehe noch nicht fest. Sicher sei, dass der Künstler Mitte September wieder nach Berlin komme – zur Aufzeichnung der Sendung „Udo Jürgens and friends“, die am 30. September in der ARD laufen soll. An jenem Tag wird Udo Jürgens siebzig. Hat das eigentlich mal jemand überprüft?

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