Für Sanierung und Neubauten : Hebt den Milieuschutz auf!

Die ideologisch aufgeladenen Gentrifizierungsdebatten nerven gewaltig, findet unser Autor. Mit Sanierungs- und Aufwertungsverboten erzielt man letztlich nur eines: höhere Preise für schlechtere Wohnungen.

Max Meier
Ein sanierter und ein unsanierter Altbau in der Rigaer Straße in Berlin-Friedrichshain.
Ein sanierter und ein unsanierter Altbau in der Rigaer Straße in Berlin-Friedrichshain.Foto: imago/ Christian Mang

Meine Nachbarn ziehen aus. Das ist nichts Besonderes in einer Großstadt. Aber diesmal ärgert es mich: Ich lebe in Friedrichshain, in einem Milieuschutzgebiet – das Thema Wohnen überstrahlt alles. Die ideologisch verblendete Diskussion auch derjenigen, die ich selbst gewählt habe, nervt mittlerweile gewaltig.

Anders als der Mainstream in diesem Stadtteil bin ich gegen Milieuschutzgebiete – sondern für einen unverkrampften Umgang mit Neubau, Umbau, Sanierung und allem, was vorschnell als Gentrifizierung verunglimpft wird. Ich möchte, dass gebaut wird, meinetwegen auch Luxus, gerne auch auf Brachen, Parkplätzen, Freiflächen, in Baulücken. Ich bin dafür, weil ich glaube: Wo sich Menschen und ihre Bedürfnisse verändern, muss es sozialen und räumlichen Wandel geben.

Starre Vorgaben führen zu genau dem, was sie eigentlich vermeiden wollen: Abwanderung und Austausch der Bevölkerung. Der einzige Grund, weshalb meine Nachbarn, mit denen ich seit sieben Jahren Tür an Tür lebe, ausziehen, ist, dass sie eine Eigentumswohnung kaufen wollen. Das haben sie jetzt in Weißensee getan. In Friedrichshain-Nord ist die Umwandlung in Eigentum quasi unmöglich. Der Neubau ist stark eingeschränkt und wird verbal ebenso wie mit Farbbeuteln oder gar Steinen attackiert. Meine Nachbarn, ein Arzt und ein Altenpfleger, haben fast 15 Jahre in Friedrichshain gelebt. Ihre Wurzeln haben sie in Franken und dem Sudan. So gesehen standen sie genau für das Multikulti, mit dem sich dieser Bezirk so gerne brüstet.

Den Wandel aufhalten zu wollen, ist kindisch

In den vergangenen 18 Jahren hat sich mein Lebensmittelpunkt um gerade mal 1,2 Kilometer verlagert. Ich bin im selben Kiez geblieben, in dem ich aufgewachsen bin, weil ich ihn schön finde. Ich freue mich, dass meine Frau diese Ansicht teilt. 2010 zogen wir in das sanierte Altbaumietshaus: Dachgeschoss, Maisonette, Erstbezug – neun Euro kalt, damals viel, heute ein Schnäppchen. Noch besser gefiel uns die Nachbarschaft, die mit einzog. Zwölf verschiedene Nationen, homosexuelle Paare, ein bayerischer Punk mit Altvertrag. Wir feierten gemeinsam Sommerfeste im Hof.

Balkon, bodentiefe Fenster, zwei Bäder: Nichts davon braucht es. Doch nach 30 Jahren Plattenbau macht es mich stolz, dass ich dank Studium und beruflichem Aufstieg in der Lage bin, mir eine schicke Wohnung zu leisten. Mein Baustadtrat, meine Bezirksbürgermeisterin und viele andere, die sich gegen die vermeintliche Gentrifizierung wehren, sind nicht hier aufgewachsen.

Die Unterscheidung zwischen Zugezogenen und länger Ansässigen ist immer kleinlich. Genauso kindisch ist aber der Glaube, man könne jeglichen Wandel aufhalten. Es geht darum, ihn zu gestalten für möglichst viele. Darum, allen ein Angebot zu machen. Nur das erhält die lebendige Struktur.

Ich will nicht in einer Wohlstandssiedlung am Stadtrand wohnen

Wie der Austausch der Bevölkerung in der Praxis funktioniert, konnte ich kürzlich beobachten. Im Dachgeschoss gegenüber ist ein Krankenkassenvorstand eingezogen. Dass die Wohnung keine Fußbodenheizung hat und das Bad kein Fenster, war ihm egal. Hauptsache hell und Szenekiez. Der Esstisch war so groß, dass er spektakulär von einem Kran über das Vorderhaus gehoben wurde. Mit Regulierungen, Sanierungs- und Aufwertungsverboten erzielt man letztlich nur einen Effekt: Vermieter können höhere Preise für schlechtere Wohnungen verlangen.

Ich will nicht aus meinem Kiez verscheucht werden, um in einer bürgerlichen Wohlstandssiedlung am Stadtrand zu wohnen. Ich kaufe fußläufig ein, gebe alle Handwerksaufträge an Kleinunternehmer in der Umgebung. Wenn sämtliche Gutverdiener wegzögen, was würde das für die Dienstleistungsbetriebe bedeuten?

Unsere marokkanische Nachbarin sucht nach 20 Jahren in Berliner Mietwohnungen mit ihrem Mann nun ebenfalls Eigentum – und hat ein Neubauprojekt in Karlshorst im Visier. Weder spekuliert sie mit Aktien, noch hat sie teure Hobbys. In ihrer Heimat ist es normal, im Eigenheim zu wohnen. Es ist ihre Altersvorsorge.

Die andere Nachbarwohnung wird jetzt besichtigt. Zuletzt war eine junge Familie aus Prenzlauer Berg über fünf Etagen ohne Fahrstuhl und Fußbodenheizung bei geteilter Terrasse in Nord-Ost-Ausrichtung angesichts eines Mietpreises von 1 740 Euro kalt für 125 Quadratmeter allerdings doch etwas irritiert. Irgendjemand wird sich finden. Und vielleicht schwebt bald der nächste Esstisch durch unseren milieugeschützten Innenhof.

Der Autor lebt in Friedrichshain und möchte unerkannt bleiben. Dieser Text erschien zuerst am 17. Juni 2017 im Tagesspiegel-Samstagsmagazin Mehr Berlin.

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