Berlin : Fusion Kreuzberg-Friedrichshain: Milliarden fürs vermeintliche Armenhaus

Thomas Loy

Wer in diesen schweren Zeiten nach Kreuzberg zieht, muss seine Lebensplanung etwas raffen. Denn Kreuzberger leben nicht so lange, sagt die Sozialstatistik. In Friedrichshain ist es auch nicht viel besser. Deshalb vereinigte man die beiden Spreeanlieger zu einem großen Armenhaus, und in den Rathäusern hob das Jammern an. Nirgendwo im großen Deutschland würde sich ein Bürgermeister finden, der sein adrettes Städtchen freiwillig mit dem schwindsüchtigen Kreuzberg verbandelte. Da hilft nur Abriss, sagte vor nicht allzu langer Zeit CDU-Polarisierer Klaus Landowsky, als ihm das "Neue Kreuzberger Zentrum" am Kottbusser Tor einfiel.

Doch ganz so schlimm kann es nicht sein. In Friedrichshain wurden seit der Wende Milliardensummen in neue Bürotürme und die Sanierung von Wohnungen gesteckt. Um Kreuzberg machte das Kapital zunächst einen großen Bogen, doch inzwischen laufen auch hier Großprojekte wie das neue Quartier auf dem Gelände der Schultheiss-Brauerei an. Dort wird in den nächsten Jahren für 300 Millionen Mark ein Kulturzentrum mit Wohnungen und Gaststätten entstehen. Größter Mieter ist die Berlinische Galerie, die im ehemaligen Kühlkeller unterkommt. Kreuzberg gehört zur alten Kernstadt und profitiert schlicht von seiner Nähe zu den neuen Zentren der Stadt. Überregional bekannte Häuser wie der Martin-Gropius-Bau, das Technikmuseum, das neue Jüdische Museum, der Anhalter Bahnhof als zukünftiger Standort des Tempodroms und das Künstlerhaus Bethanien ziehen interessante Menschen und damit Geld in den Bezirk. Das Technikmuseum hat gerade erst für 170 Millionen Mark seinen Anbau erhalten und plant weitere Ausstellungshallen auf dem Gleisdreieck. Dort will auch die Deutsche Bahn bauen. Das Geld für eine 16 Hektar große Parkanlage liegt schon bereit.

Der Grünzug auf dem ehemaligen Luisenstädtischen Kanal wartet dagegen noch auf weitere Finanzspritzen. Derweil plant die Bodentreuhand- und Verwaltungsgesellschaft Botag an der Cuvrystraße ein Einkaufscenter mit Gründerzentrum und Lofts. Kostenpunkt: 140 Millionen Mark. Der Bezirk sträubt sich vehement gegen das Vorhaben. Im Kiez würden die Läden kaputt gehen, heißt es.

In Friedrichshain konnten Investoren unbeschwerter zur Sache kommen. Die ECE Projektmanagement GmbH aus Hamburg baute an der Bezirksgrenze zu Lichtenberg für 130 Millionen Mark ein Shopping-Center. In der Nähe ließ die Fundus-Gruppe um einen glasüberdachten Hof herum Geschäfte, Büros, Wohnungen und ein Hotel gruppieren: das 500 Millionen Mark teure Frankfurter Allee Plaza.

Nicht nur für den Konsum, auch für die Produktion wurde etwas getan. Für das Projekt "Oberbaum-City" auf dem ehemaligen Betriebsgelände der Narva-Glühlampen-Produktion werden bis 2001 1,2 Milliarden locker gemacht. Bis Jahresende sollen alle bisher instand gesetzten 75 000 Quadratmeter Bürofläche vermietet sein. Sogar der Senkrechtstarter Pixelpark konnte hierher gelockt werden. 500 Meter nordwestlich wurde der Ostbahnhof für 63 Millionen Mark restauriert, umgestaltet und mit einem Inter-City-Hotel versehen.

In die drei Sanierungsgebiete Samariterviertel, Warschauer Straße und Traveplatz flossen ebenfalls mehrere hundert Millionen Mark vorwiegend aus öffentlichen Töpfen. Die Projektbetreuer machten die überraschende Erfahrung, dass die Kaltmieten nach der Sanierung teilweise sogar niedriger lagen als davor und kaum ein Mieter auszog. Bezahlbar blieben auch die Wohnungen im historisch wertvollen Helenenhof-Viertel, das für rund 100 Millionen Mark renoviert wurde. Rund eine Milliarde Mark kostet die Runderneuerung der denkmalgeschützten Stalin-Bauten an Karl-Marx- und Frankfurter Allee, inzwischen in der Endphase begriffen. Projekte der Zukunft sind die Rummelsburger Bucht und das riesige Schlachthofgelände an der Eldenaer Straße. An beiden Standorten sollen bis 2010 insgesamt 8000 Wohnungen sowie Büro- und Gewerbeflächen entstehen. Am Rummelsburger See wurden die ersten 2000 Wohnungen bereits bezogen. Die Großprojekte profitieren auch vom langsamen Imagewandel des Bezirks - vom Arbeiterviertel zum Szenequartier. Die Simon-Dach-Straße hat den Aufstieg zur Trendadresse bereits geschafft.

Ist alles fertig, werden den Problembezirken Kreuzberg und Friedrichshain Inseln der Normalität eingepflanzt sein, die das Immunsystem gegen soziale Verrohung und anarcho-revolutionäre Zusammenrottungen stärken sollen. Vielleicht tritt aber auch das genaue Gegenteil ein - und das soziale Gefälle zwischen Alt-Armen und Neu-Reichen bildet schroffe Berghänge.

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