Berlin : G-8-Gipfel: Italiens Polizei hält schwer verletzte Berliner in Genua fest

Lars von Törne

Nach dem Ende des G 8-Gipfels von Genua befanden sich auch am Montag noch etliche Berliner Teilnehmer der Gegenveranstaltungen in den Händen der italienischen Polizei. "Ungefähr 50 Deutsche werden noch festgehalten, darunter etwa 20 Leute aus Berlin", sagte Beate Beckmann, Sprecherin des "Ermittlungsausschusses" (EA) am Montag. Der politisch links stehende EA setzt sich für Opfer von Polizeigewalt ein und vermittelt ihnen rechtlichen Beistand. Den festgenommenen Berlinern wird von den italienischen Behörden vorgeworfen, an den gewalttätigen Protesten der vergangenen Tage beteiligt gewesen zu sein. Die meisten von ihnen wurden bei der Erstürmung des Organisationszentrums der Protestierer in der Nacht auf Sonntag festgenommen.

Dabei hat die Polizei nach Angaben der EA-Sprecherin außergewöhnlich brutal auf Schlafende eingeschlagen. Mehrere Festgenommene trugen Arm- und Beinbrüche sowie schwere Kopfwunden davon. "Ein junger Mann musste wegen einer Hirnblutung notoperiert werden und lag vorübergehend im Koma", sagte Beate Beckmann. Unter den Festgenommenen sei auch eine Journalistin der linken Berliner Zeitung "Junge Welt". Sie sei ebenfalls verletzt worden. Beckmann zufolge wurde den Festgenommenen vorgeworfen, sich an den militanten Aktionen des "Schwarzen Blocks" beteiligt zu haben. Auch hätten sie nach Polizeiangaben die als Organisationszentrum genutzte Schule illegal besetzt und bewaffnete Gruppen gebildet.

Inzwischen habe eine Delegation von Abgeordneten des Europäischen Parlaments Kontakt zu den Verhafteten aufgenommen, sagte Beckmann. Auch das deutsche Generalkonsulat sei eingeschaltet worden. Allerdings sei es schwierig, an verlässliche Informationen zu kommen, weil in Italien Verdächtige bis zu 68 Stunden ohne rechtlichen Beistand festgehalten werden dürften.

Scharfe Kritik am Vorgehen der italienischen Sicherheitskräfte äußerten am Montag auch mehrere unversehrt nach Berlin zurückgekehrte Teilnehmer der Proteste. "Die Gewalt wurde von der Polizei provoziert", sagte der Politikwissenschaftler Philipp Hersel von der Globalisierungs-kritischen Gruppe "Attac". Hersel und seine Mitstreiter gehören zum Berliner "Genua-Bündnis", das mit rund 150 Protestierern in Italien vertreten war. Die Gruppe hat dort nach eigenen Angaben mit friedlichen Mitteln gegen die "neoliberale, anti-soziale und international ausbeuterische Politik" der G 8-Staaten demonstriert. "Attac" kritisiert allerdings nicht nur die Polizeigewalt rund um den Gipfel, sondern grenzt sich auch von den militanten Demonstranten ab, die die Proteste in den Augen der Öffentlichkeit dominierten. "Gewalt ist für uns kein Mittel", sagt Hersel. Jetzt müssten die Genua-Heimkehrer "in Ruhe besprechen, wie wir zukünftig damit umgehen, wenn einzelne Gewalttäter die Proteste für sich nutzen wollen." Es sei allerdings schwierig, autonome Straßenkämpfer im Vorfeld von Protesten überhaupt zu erreichen.

Die meisten der bis zu 300 000 Teilnehmer der Abschlusskundgebung hätten ihre Kritik am Gipfel mit friedlichen Mitteln deutlich gemacht, betont Hersel. "Wir fühlen uns durch Genua gestärkt." So sieht er es als Erfolg der Protestierer an, dass die G 8-Staaten sich künftig offenbar von Großveranstaltungen wie in Genua verabschieden wollen.

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