Ganzkörperschleier : Burka in Berlin - vor fünf Jahren

Die Burka-Verbote in Frankreich und Belgien entfachten vor fünf Jahren eine Debatte in Berlin. Politiker sahen beim Ganzkörperschleier jedoch wenig Handlungsbedarf. Was Annette Kögel damals darüber schrieb.

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Rotes Tuch. Die Burka – hier als Bühnenrequisit – gehört für Berliner Musliminnen nicht zur Alltagsgarderobe. Foto: Doris Klaas
Rotes Tuch. Die Burka – hier als Bühnenrequisit – gehört für Berliner Musliminnen nicht zur Alltagsgarderobe. Foto: Doris Klaas

Heinz Buschkowsky kennt seinen Kiez. Die kleinen Seitenstraßen in Nordneukölln wie die Wildenbruchstraße, die Erkstraße, die von der Sonnenallee, der Karl-Marx-Straße abgehen. „Da kann man schon einige wenige Frauen sehen, die Burka und Nikab tragen.“ Nikab? Das, erklärt der Neuköllner Bezirksbürgermeister, sei die Version der Verschleierung in Schwarz, bei der man von seinem Gegenüber nichts als die Körperfigur wahrnimmt und durch den schmalen Augenschlitz vielleicht noch die Farbe der Augen. Anlässlich der Debatten über das Verbot des religiös-traditionell fundamentalistisch verhüllenden Kleidungsstücks in Belgien und Frankreich machen sich auch Berliner Integrationsexperten Gedanken über das Thema. Die deutschtürkische Integrationsexpertin der Bildungsgewerkschaft GEW, Sanem Kleff, meint jetzt sogar: „Ich finde, wir sollten prüfen, wo man da mit dem Vermummungsverbot ansetzen kann.“

Wer mit den Frauen in Schwarz spricht, sagt Kleff, erkennt schnell, dass es sich dabei um höchst unterschiedliche Menschen handelt. „Sie stammen aus allen Gesellschaftsschichten“, sagt die Pädagogin und Leiterin des europäischen Projektes „Schule ohne Rassismus – Schule mit Courage“. Burka werde vornehmlich in Saudi-Arabien, dem Iran, Afghanistan und Pakistan getragen – „die Hochburgen der Komplettverhüllung“. Berlinerinnen, die derart verhüllt in Geschäften shoppen und mit den Kindern auf den Spielplatz gehen, stammen zumeist aus der arabischen Welt, sagt Kleff.

Sie weiß, dass sich die betreffenden Frauen teils aus eigener Überzeugung, aus Gründen der Tradition, aber teils sogar gegen den Willen „der Mutter im Chanel-Kostüm“ für dieses Kleidungsstück entscheiden. In den türkischen Großstädten sei es keineswegs gang und gäbe. „Wenn die Leute in Istanbul oder Ankara eine Frau mit diesem Look sehen, gucken sie so, als ob ein Marsmensch kommt“, sagt Kleff.

Auch in Nordneukölln blicken sich die Passanten verwundert um, wenn sie voll verhüllte Frauen sehen. „Es gibt ja verschiedene Ausprägungen des Lebens rund um die Welt“, sagt Bezirksbürgermeister Buschkowsky, „aber einem Menschen gegenüberzutreten, dessen Gesichtszüge ich nicht erkennen kann, widerspricht meinem humanistischen Empfinden“. Er findet, das habe mit „unseren Umgangsformen und dem europäischen Straßenbild“ nichts mehr zu tun. Buschkowsky: „Wir gehen ja auch nicht mit dem Tonkrug auf dem Kopf zum Mineralwasserkaufen.“

Ein Freund des Burka-Verbots – das in Deutschland als verfassungsrechtlich umstritten gilt – ist der SPD-Mann dennoch nicht. „Das wäre mit Kanonen auf Mücken schießen. Wir schaffen es ja noch nicht mal, Bundesgesetze für weit wichtigere Dinge wie etwa gegen die Zwangsehe auf den Weg zu bringen. Ein Bundesgesetz für so einen Promillebereich, bei den 20 Figuren, ist völlig überflüssig.“ Dennoch sei die Kleidung fundamentalistischer Frauen „für mich die Grenze dessen, was die Gesellschaft ertragen muss. Das ist ein Symbol einer völlig überholten Zeit.“

Innensenator Ehrhart Körting (SPD) sieht das ähnlich: „Das ist doch eine Pseudodebatte, die Integrationsprobleme liegen woanders.“ Auch für Integrationssenatorin Carola Bluhm (Linke) „stellt sich die Frage des Burka-Verbots für Berlin nicht“. Denn: Anders als in Belgien und Frankreich mit weit mehr Migrantinnen, die sich mit ihrer Totalverschleierung aus dem Sichtfeld des Mannes verbannen, gibt es in Berlin andere Einwanderer, betont Sanem Kleff.

Kleff schlägt dennoch vor, zu prüfen, ob und wie die Stadt das Vermummungsverbot zu Rate ziehen könne. „Es gibt doch Situationen, wie etwa in einer Bank, die man aus Sicherheitsgründen auch nicht mit Motorradhelm oder Hasskappe betreten darf.“ Darüber hinaus sei es für die Sozialisation und die Erziehung eines Kindes wichtig, „dass es das Gesicht der Mutter wahrnimmt. Sieht, ob sie fröhlich, lobend, traurig oder verärgert guckt.“

Zugleich tritt die Pädagogin entschieden dem Generalverdacht entgegen, dass sich unter den Ganzkörperschleiern muslimischer Berlinerinnen grundsätzlich desinteressierte Mütter verbergen. „Etliche Frauen mit Burka aus der arabischen Welt sind hoch gebildet.“ Und im Übrigen neigten diese Mütter noch eher dazu, sich wegen der hohen Anerkennung für eine Elternschaft ihrem Kind über alle Maßen zu widmen und es womöglich zu verhätscheln. Unabhängig davon, sagt Kleff an Buschkowsky gerichtet, „macht ähnlich wie eine Frau mit Burka auch der ein oder andere Punk oder graue Trenchcoatträger einen komischen Eindruck auf der Straße auf mich.“ Annette Kögel

Der Beitrag erscheint in unserer Rubrik "Vor fünf Jahren".

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