Gastkommentar des Innensenators : Die Gewalt in Berlin geht uns alle an

Der Berliner Innensenator zeigt sich in einem Gastbeitrag für den Tagesspiegel besorgt über brutale Gewaltatten in der Stadt. „Wir beobachten, dass die letzte Hemmschwelle verloren gegangen ist“, schreibt er und ruft zu einer gesellschaftlichen Debatte auf.

Frank Henkel
Innensenator Frank Henkel fordert eine Debatte über Gewalt.
Innensenator Frank Henkel fordert eine Debatte über Gewalt.Foto: Thilo Rückeis

Berlin ist im europäischen Vergleich eine der sichersten Metropolen. Aber unsere Stadt produziert Nachrichten, die niemanden kaltlassen und die selbst Unbeteiligten emotional einiges abverlangen: Nach einem Streit auf einem Bolzplatz wird ein 18-Jähriger tödlich niedergestochen. Ein 22-Jähriger wird auf offener Straße erschossen. Drei Jugendliche stechen einem 14-Jährigen bei einem Raubüberfall ein Messer in die Rippen. Bei einem Streit um einen Parkplatz werden zwei Jugendliche am helllichten Tage durch Messerstiche schwer verletzt. Es sind Taten, die mitten in unserer Stadt begangen werden und deren Brutalität uns, ja auch mich, fassungslos macht.

Bilder vom Tatort in Buckow, an dem ein 22-Jähriger erschossen wurde

Tödliche Schüsse in Neukölln
Auch mehr als sechs Wochen nach der Bluttat in Neukölln erinnern Plakate in der Rudower Straße an den getöteten Burak B., 22.Weitere Bilder anzeigen
1 von 34Foto: Isabelle Buckow
22.05.2012 11:49Auch mehr als sechs Wochen nach der Bluttat in Neukölln erinnern Plakate in der Rudower Straße an den getöteten Burak B., 22.

Auch früher hat es Auseinandersetzungen gegeben, in der Disko, aus Eifersucht um ein Mädchen, aufgrund von Rivalitäten zwischen Cliquen. Dazu zählten auch Raufereien. Aber viele der Taten, über die wir heute, gefühlt fast täglich, lesen, wenn wir die Zeitungen aufschlagen, gehen weit darüber hinaus. Viel zu oft müssen wir beobachten, dass die letzte Hemmschwelle verloren gegangen ist, dass Waffen immer lockerer sitzen und selbst dann nicht von Opfern abgelassen wird, wenn diese wehrlos am Boden liegen. Wir können und wollen nicht in die Köpfe der Menschen hineinschauen, aber wir merken, dass offenbar in einigen Köpfen etwas nicht stimmt.

Eine Gesellschaft darf nicht wegschauen, wenn sie das Gefühl hat, dass sich Dinge in die falsche Richtung bewegen. Ich habe dieses Gefühl. Die Abstumpfung, der Verlust moralischer Grenzen, das muss uns alarmieren. Natürlich ist unser Staat nicht wehrlos. Unsere Polizei leistet täglich einen harten Job, um für unsere Sicherheit zu sorgen; es gibt viele gute Präventionsansätze. Ich will unsere Polizei stärken, damit sie mehr Präsenz zeigen, besser vorbeugen und schneller eingreifen kann. Genauso wichtig ist es, dass Gerichte schnell urteilen und bei schweren Verbrechen das Strafmaß ausschöpfen, um eine abschreckende Wirkung zu erzielen.

Bilder von der Beisetzung des erschossenen Burak B.

Gedenken nach Mord in Buckow
13. April 2012: Tag der Beerdigung in NeuköllnWeitere Bilder anzeigen
1 von 15Foto: dpa
13.04.2012 07:4413. April 2012: Tag der Beerdigung in Neukölln

Aber es gibt Fragen, die sich nicht aus der Sicherheitsperspektive beantworten lassen. Warum sinken die Hemmschwellen, und was können wir gegen diese Verrohung tun? Was sagt es über unsere Gesellschaft aus, wenn ein Menschenleben für manche nichts mehr wert ist, wenn Gewalt Kommunikation ersetzt? Wie können wir vor allem junge Menschen in ein gesellschaftliches Wertegefüge zurückholen, in dem die letzte Grenze eben nicht verletzt wird?

Polizei und Justiz können diese Aufgabe, die auch einen gesellschaftlichen Erziehungsauftrag beinhaltet, allein nicht bewältigen. Auch unsere Polizei wird nicht vor jeder Schule, an jeder Straßenecke, in jedem U-Bahnhof stehen können. Wir brauchen eine breite Debatte darüber, wie wir das Engagement für unsere Gesellschaft stärken können und mehr Respekt füreinander und für unser Umfeld schaffen. Wir brauchen eine ehrliche Diskussion über Werte und Grenzen und über das Hinschauen, wenn etwas nicht stimmt. Es ist keine Debatte, die nur die Politik betrifft. Diese Fragen gehen uns alle an, jeden einzelnen Bürger, unsere Sportvereine, Familien, Wissenschaftler, Pädagogen und natürlich die Kirchen und Religionsgemeinschaften.

Es ist mir wichtig, diese Debatte zu führen. Es kann uns nicht egal sein, was um uns herum passiert. Sonst wachen wir irgendwann in einer Stadt auf, die nicht mehr viel mit der zu tun hat, die wir kennen und liebenswert finden.

Der Autor ist Senator für Inneres und Sport und Bürgermeister von Berlin.

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