Berlin : Gazeteler Rückblick: "Almanya, ich habe die Nase voll von Dir"

Suzan Gülfirat

Jeden Montag im Tagesspiegel: Ein Rückblick auf die in Berlin erscheinenden türkischen Tageszeitungen.

"Almanya, Almanya, ich habe die Nase voll von Dir. So viele Familien hast Du zerstört ... ", stand am Sonnabend auf einer Sonderseite einer türkischen Tageszeitung, die in Berlin nur am Wochenende als Wochenblatt erscheint. Sie heißt "Zaman" (Die Zeit), sollte jedoch nicht mit der gleichnamigen deutschen Wochenzeitung verwechselt werden. Zwar hat auch Zaman ein seriöses Format und wird gern gelesen, aber wer in der Türkei einen Staat mit islamischem Rechtssystem fürchtet, empfindet das Blatt als ultra-islamistisch. Ihre Kolumnen rechtfertigen zuweilen diese Annahme. Auch Zaman beschäftigte sich mit dem Thema "40 Jahre Migration in Deutschland". Die Überschrift "Almanya, Almanya ... " war der Refrain zu einem Gastarbeiterlied, vermutlich aus den sechziger Jahren. Damals entdeckten türkische Interpreten eine Marktlücke und besangen die Situation der türkischen Gastarbeiter auf ihre Art und Weise. "Almanya, Almanya, grausames Land. Du hast mir mein Weib genommen", geht das Lied von Ramazan Ceylanl¤ weiter. "Erst nach zwanzig Monaten hat sie mir geschrieben. Ich bin fast verrückt geworden. ... Find eine andere Lösung für Deine Situation." Auf dieser Seite sind mehrere Fotos zu sehen. Das eine zeigt das verbrannte Haus von Solingen, ein anderes zeigt eine Frau, zwei Männer und sieben Kinder. Dies sei eine Familie aus Duisburg, die 1984 die Rückkehrhilfe der deutschen Regierung in Anspruch genommen habe. "Wie schade, dass sie nun das Kindergeld und die Hilfe für die Wohnung nicht mehr bekommen können", bedauerte der Autor. So ist das Bild vieler Menschen in der Türkei von ihren "Landsleuten" in Deutschland.

Andere Zeitungen zitierten lieber den türkischen Ministerpräsidenten. "Wir sind keine Gäste", lautete seine Botschaft auf der Titelseite der Boulevardzeitung Hürriyet. Er unterstütze die Integration der Türken in Deutschland, sei jedoch gegen ihre Assimilation. Warum, erklärte die national-konservative Zeitung Türkiye auf ihrer Titelseite: "Ihr seid zur Brücke geworden." In den Zeilen darunter hieß es: "Ministerpräsident Bülent Ecevit hat erklärt, dass die Türken in Deutschland bei den türkisch-deutschen Beziehungen einen sehr bedeutenden Platz einnehmen." Assimilierte Türken fühlen sich wohler in Deutschland und sind in der Regel gegenüber der türkischen Politik kritisch eingestellt.

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