GAZETELER Rückblick : ''Cem soll zu uns in die SPD kommen''

Cem Özdemir hat in der Türkei einen großen Nachrichtenwert. Türkische Blätter berichteten ausführlich über das Debakel des designierten Grünen-Chefs. Die "Hürriyet" widmete ihm eine ganze Seite. Das ganz große Thema der Woche war jedoch ein anderes - kam aber auch aus Deutschland.

Suzan Gülfirat

Cem Özdemirs politisches Schicksal bewegte die türkischen Blätter. "Delegierte schocken den Kandidaten", so die Titelzeile der "Hürriyet" am Montag zum Debakel um Cem Özdemir. Doch noch am selben Tag erklärte der designierte Bundesvorsitzende der Grünen, dass er trotz seiner Niederlage bei der Bundestags-Nominierung an seiner Kandidatur festhält.

Am Dienstag widmete die "Hürriyet" dem Thema deshalb im Innenteil der Europa-Beilage eine ganze Seite. Dass die Zeitung jahrelang nahezu kampagnenartig gegen den Grünen angeschrieben hat, blieb unerwähnt. Neben dem Bericht zum Sachverhalt erschienen Auszüge aus den Stellungnahmen der Vorsitzenden von fünf türkischen Verbänden. "Ich habe Cem eine SMS geschickt, dass er nicht aufgeben soll", verriet zum Beispiel der Vorsitzende der Türkischen Gemeinde in Deutschland, Kenan Kolat.

Entsetzen über Nominierungsschlappe

In einem anderen Artikel auf dieser Sonderseite fragte die "Hürriyet" türkischstämmige Politiker aus ganz Deutschland, was sie an Özdemirs Stelle tun würden. "Komm zu uns in SPD", zitierte die "Hürriyet" die Berliner Abgeordnete Dilek Kolat sowie die Bundestagsabgeordnete Lale Akgün. "Ihn unter dem Dach unserer Partei zu erleben, wäre eine große Freude für mich", erklärte Lale Akgün. Das Mitglied des Berliner Abgeordnetenhauses, Bilkay Öney (B90/Grüne) sagte: "Seit Tagen plagen mich Magenschmerzen. Er soll bei der Kandidatur bleiben." Auch die "Türkiye" zitierte türkischstämmige Politiker von SPD und Grünen, die allesamt über die Nominierungsschlappe entsetzt sind. Zudem übersetzten "Türkiye" wie auch die "Hürriyet" Passagen aus Kommentaren aus deutschen Tageszeitungen.

Am Freitag brachte die "Hürriyet" dann ein Gespräch mit dem gedemütigten Cem Özdemir. Eine große Enttäuschung sei die Wahl für ihn gewesen, bekannte der Politiker. "Doch hätte ich aufgegeben, hätten manche gedacht, dass ich vor dem Job kneife", sagte er. Ebenfalls am Freitag kam der Europa-Abgeordnete Vural Öger (SPD) zu Wort: "Es ist beschämend", erklärte er, "was Cem Özdemir zugestoßen ist. Er ist das Opfer von Neid und Intrigen."

Die Zeitungen hoben das Dilemma um Cem Özdemir zwar auf die Titelseiten, doch das ganz große Thema der Woche war ein anderes: die Frankfurter Buchmesse. Immerhin ist die Türkei der Gastpartner der größten Buchmesse der Welt. Das wurde von den türkischen Medien mit Stolz registriert; niemand störte sich daran, dass der Türkei-Kritiker und Nobelpreisträger Orhan Pamuk in Frankfurt auftrat. Aber wahrscheinlich wundern sich eh nur Deutsche, dass Türken Bücher lesen.

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