Berlin : Gazeteler Rückblick: Ein vermisstes türkisches Mädchen

Suzan Gülfirat

Die türkischen Zeitungen berichteten am vergangenen Montag fast ganzseitig über die Geschichte der Mauer und die Gedenkzeremonien. Die Milliyet schrieb zudem über die "türkischen Opfer der Mauer." Der neunjährige Cengiz Malkoç sei am 30.12.1972 beim Picknick in Grenznähe an der Spree ins Wasser gestürzt. Die West-Berliner Polizei habe die Eltern daran gehindert, den ertrinkenden Sohn zu retten. "Sonst schießen die Ostsoldaten auf Sie", sollen die Polizisten gesagt haben. Am 11. Mai 1975 sei aus dem gleichen Grund der fünfjährige Çetin Mert vor den Augen der Eltern in der Spree ertrunken. Hunderte Türken hätten danach am Groebenufer demonstriert und "nieder mit dem Kommunismus" gerufen.

Am Sonnabend zeigte die Hürriyet ein Foto von einem 13-jährigen vermissten türkischen Mädchen aus Berlin. Das Bild zeigt einen süßen Teenager mit langen Haaren und bezauberndem Lächeln. Solch ein Foto wird eigentlich abgedruckt, wenn der Verdacht besteht, dass das Mädchen Opfer einer Straftat wurde. Die Nachricht, die wie eine Vermissten-Meldung aussah, entpuppte sich als ganz gewöhnliches türkisches Drama: Das Mädchen ist nach Darstellung Hürriyets von zu Hause weggelaufen. Die Hürriyet veröffentlicht auch in solchen Fällen Fotos. Der Vater hatte sich Hilfe suchend an das auflagenstarke Blatt gewandt: "Der 58-jährige R. Acar appellierte an seine Tochter, wieder nach Hause zurückzukehren." Er hat der Hürriyet erzählt, warum das Mädchen weggelaufen sein könnte. Zwei Wochen vor ihrem Verschwinden, sei sie länger als erlaubt ausgeblieben. Daraufhin habe sie der ältere Bruder verprügelt. "Sie hat sich entschuldigt und versprochen, dass sie so etwas nie wieder tun wird", wurde der Vater zitiert. Zwei Wochen danach sei sie von der Schule nicht nach Hause gekommen. "Wir haben Angst, dass ihr etwas zugestoßen ist", wurde er weiter zitiert.

Die Polizei sucht weggelaufene türkische Mädchen nur, wenn sie minderjährig sind - und übergibt sie wieder in die "Obhut" der Eltern. Dazu ist sie gesetzlich verpflichtet. Sind die Mädchen volljährig, und die Polizei weiß, dass sie untergetaucht sind, bringen die Beamten sie nicht zurück. Manche türkische Eltern verstehen das nicht und versuchen über andere Wege, das Mädchen zu finden. Es ist eben nicht nur die Sorge um die Töchter, die die Eltern zur Polizei und zur Hürriyet treibt. Für die Eltern bedeutet das Weglaufen ihrer Töchter auch Gesichtsverlust innerhalb ihrer türkischen Welt.

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