Gazeteler - Rückblick : Emotionen nach der Katastrophe

Wie türkische Blätter über das Unglück von Ludwigshafen berichteten

Suzan Gülfirat

Der Ministerpräsident war überall, auf allen Titelseiten der türkischen Tageszeitungen. „Dankeschön“, titelte etwa die Hürriyet nach dem Besuch von Ministerpräsident Recep Tayyip in Berlin. Darunter zeigte das Blatt ein Foto, auf dem zu sehen war, wie Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) und Ministerpräsident Erdogan sich die Hand geben. Sie waren mit 300 Schülern am Freitag im Bundeskanzleramt zusammengekommen.

Die Türkiye wählte eine andere Schlagzeile, sie griff ein Zitat von Erdogan auf: „Die Bezeichnung ’Die Anderen’ vernichtet den Frieden“, titelte die Türkiye. Im Text heißt es: „Ministerpräsident Erdogan, der sich zusammen mit Merkel die Sorgen von Schülern mit Migrationshintergrund angehört hat, sagte, dass die Vielfältigkeit ein Gewinn für die Gesellschaft ist. ’Wenn wir ’Wir und die Anderen’ sagen, wird der Frieden gefährdet’“, zitierte ihn das Blatt.

Die Sabah hingegen lobte Bundeskanzlerin Angela Merkel, weil sie eine Schweigeminute für die Opfer der Brandkatastrophe von Ludwigshafen einlegte. „Geste von Merkel“, titelte die Zeitung kurz und knapp. In der Unterzeile hieß es dazu: „Erdogan wünschte sich das – und Merkel zeigte sich gestenreich.“ Das Unglück, bei dem neun Menschen – „unsere Landsleute“ – ums Leben kamen, war erwartungsgemäß das große Thema in allen Zeitungen: „Das Feuer brach im Keller aus“, titelte die Milliyet. Viele türkische Zeitungen vermuteten schnell einen rechtsradikalen Hintergrund: „Naziverdacht“ – „Spuren von Neonazis“ – so titelten viele Zeitungen. Prompt meldete sich auch Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble (CDU) zu Wort und warf den türkischen Zeitungen vor, ihre vielen Leser aufzustacheln. Er sprach von „unverantwortlicher Hetze“. Mittlerweile schreiben die türkischen Zeitungen nicht mehr, dass Neonazis den Brand gelegt haben. Stattdessen sprachen sie mit den Opfern – beispielsweise mit dem Onkel des Babys, das er aus dem Fenster werfen musste, um es vor den Flammen zu retten. Die Überschrift lautete: „Ich habe ihm einen Kuss gegeben – und dann runtergeworfen.“ Suzan Gülfirat

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