GAZETELER Rückblick : „Wir werden nicht vergessen“

Wie türkische Blätter über Hausbrände in Deutschland und Österreich berichten

Suzan Gülfirat

Mehr als zweiWochen sind seit der Brandkatastrophe von Ludwigshafen vergangen. Dennoch findet sich das Thema noch täglich auf den Titelseiten der türkischen Blätter. Jeder Brand – selbst, wenn niemand verletzt wurde und keine Türken betroffen waren – kam auf die Titelseite sämtlicher türkischer Zeitungen. Am vergangenen Montag berichteten alle Zeitungen ganzseitig über die Trauerzeremonie für die neun türkischen Opfer in Ludwigshafen. Die „Türkiye“ zeigte Fotos der Verstorbenen unter der Überschrift: „Wir werden nicht vergessen“. Am Dienstag gab es Fotos der Beerdigung der sieben Opfer, die aus derselben Stadt in Anatolien stammen und einer einzigen Familie angehören.

Vor allem zu Beginn der Woche erschienen neben den Titelseiten zusätzlich drei bis vier Seiten mit bis zu zwanzig Fotos. Auch über den Stand der Ermittlungen berichteten die türkischen Blätter täglich und ausführlich. Die konservative „Hürriyet“ überbot dabei mit ihrer Berichterstattung die anderen Zeitungen. Am Dienstag zeigte die Zeitung auf der Titelseite die Zeichnung eines jungen Mannes, der mit einer Damentasche in der Hand auf der Flucht zu sein scheint. „Dies ist lediglich eine Beispiel-Illustration“, notierte die „Hürriyet“ sicherheitshalber dazu. Das Gesicht des Mannes war unkenntlich gemacht worden, aber die Zeichnung unterstützte subtil den Verdacht eines deutschen Brandstifters. Drei von vier Türken, so ergab eine Hürriyet-Umfrage, sind davon überzeugt, dass Deutsche den Brand gelegt hätten. In einer islamistischen Zeitung wurden Berichte mit Hakenkreuzen versehen.

Zu den Artikeln über das Feuer in Ludwigshafen kamen Berichte über andere Brände hinzu: in Gelsenkirchen, Pirmasens in Rheinland-Pfalz, Albingen im Kreis Tuttlingen (Tagesspiegel berichtete) und in Wien. Mehrere Personen erlitten Rauchvergiftungen. Wenn in diesen Häusern keine Türken wohnten, stünde in türkischen Zeitungen sicherlich kein einziges Wort über diese Brände. So aber gelangten diese Geschichten auf die Titelseite sämtlicher türkischen Zeitungen am Freitag, Sonnabend und Sonntag.

„Jetzt reicht’s“, titelte die „Hürriyet“ am Sonnabend. In der Unterzeile hieß es: „Kaum ist ein von Türken bewohntes Haus abgekühlt, brennt ein anderes.“ Die „Milliyet“ titelte: „Warum brennen immer nur Häuser von Türken“. Beim Tuttlinger Brand steht die Ursache fest. Ein vorbestrafter Deutscher legte das Feuer, die Polizei schließt fremdenfeindliche Motive aus. In Pirmasens war das Feuer in der Wohnung eines 94-jährigen Deutschen entstanden, zwei Männer retteten den Greis. „Türken retteten einen Deutschen“, lautete die Schlagzeile in der „Hürriyet“. Die Polizei von Pirmasens ehrte die Männer für ihre Tat. Suzan Gülfirat

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