Berlin : Gebaut auf einem Kohlenplatz

Die Heilige-Geist-Kirche in Moabit feiert ihren hundertsten Geburtstag

G,a Bartels

Der Herr, der da mit rosigen Wangen und ernster Miene die Bratsche streicht, den kennt man doch. Ist das nicht…? Genau, das könnte Lothar de Maizière sein, dort gleich hinterm Dirigenten der Heinersdorfer Kantorei. Deren Chor und Orchester füllt den ganzen Altarraum der Heilige-Geist-Kirche. Der sechseckige, gotische Backsteinbau an der Ecke Perleberger- und Birkenstraße wirkt innen überraschend luftig und rund. Und Johann Sebastian Bachs hell aufbrausende Adventskantate „Nun komm der Heiden Heiland“ ist ein wunderbares Ständchen zum 100. Kirchweihjubiläum. Die Bänke sind voll, die Stimmung ist festlich und Generalsuperintendent und Bezirksbürgermeister sind zum Gratulieren gekommen. Gemeindepfarrer Reiner Oprotkowitz verschlägt es vor freudiger Aufregung beinahe die Sprache, als er den Ehrengast begrüßt: die hundertjährige Frau Raupach. Ein Mitglied so alt wie die Kirche, das hat auch nicht jede Gemeinde.

Festprediger ist dann der kernige Generalsuperintendent Martin-Michael Passauer. Nach nur einem Jahr Bauzeit auf einem ehemaligen Kohlenplatz wurde die Kirche 1906 eingeweiht. Als Passauer davon erzählt, hat er die Lacher auf seiner Seite. „Kirchen-Juste nannten die Berliner damals die Kaiserin Auguste-Viktoria, die zur Kirchweihe in der Heilige-Geist-Kirche erschienen war." Damals wären so viele Kirchen von ihr eingeweiht worden, dass der Witz kursierte, Berliner hätten am Sonntag zwischen zehn und zwölf nie Zeit. Da wären immer Kirchen einzuweihen. In der Tat rappelt es in diesen Woche nur so mit runden Kirchenjubiläen.

Doch Passauer schlägt auch nachdenkliche Töne an. Mangels Gläubigen ist es inzwischen oft schwierig, Kirchen als lebendige Orte zu erhalten. Wenn er an Kapellen in der Stadt vorbei käme, die jetzt anderen Zwecken dienten, würde er sich fragen, ob das die Zukunft wäre. „Gotteshäuser, die Diskotheken oder Kaufhallen sind: Eine Stadt ohne Gott? Sind wir schon aufgegeben?“ Nein, stärkt der Generalsuperintendent dann aber Treu’ und Glauben der Festgemeinde. So wie Gott sein Volk Israel nicht aufgegeben hätte, gäbe er auch seine Berliner nicht auf. „Immer wieder entdecken neue Menschen unsere Kirchen. Wir wollen Gotteshäuser nicht zumachen, sondern aufhalten für die Menschen in dieser Stadt.“ Gemeinden würden wachsen und wundersame Dinge geschehen. Die Heinersdorfer Kantorei beispielsweise wäre in OstBerlin ohne Probenort herumgeirrt. Dann fiel 1989 die Mauer und sie hätten in der West-Berliner Heilige-Geist-Kirche eine neue Heimat gefunden. „Und Bratschist Lothar de Maizière wurde erster frei gewählter Ministerpräsident der DDR.“

Nach dem Geburtstagsständchen verschwinden Musiker und Sänger in der Sakristei. Nach und nach kehren sie mit Instrumentenköfferchen unterm Arm zurück und nehmen in den für sie reservierten Bänken Platz. Die Bratsche ist nicht mehr dabei.

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