Berlin : Geburtsschmerzen

Bundesweit einmalige Kooperation von Hebammen und Wenckebach-Klinik könnte am Geld scheitern

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Das bundesweit einzigartige Geburtshilfeprojekt Fera in Tempelhof ist gefährdet. Der landeseigene Krankenhauskonzern Vivantes hat zum Jahresende einen Kooperationsvertrag mit der gynäkologischen Gemeinschaftspraxis und der Hebammengemeinschaft „Fera“ auf dem Gelände des Wenckebach-Klinikums gekündigt. Diese Kooperation macht das Projekt aber gerade so einzigartig.

In der Fera können Frauen in der Atmosphäre eines Geburtshauses ambulant entbinden, ohne auf die Sicherheit einer Betreuung durch Frauenärzte und im Notfall auch einer Klinik verzichten zu müssen. Im Gegensatz zu einem gewöhnlichen Geburtshaus bietet die Praxis nicht nur eine Betreuung durch Hebammen an. Bei der Geburt ist einer der vier Fera-Ärzte mit dabei. Werden die Herztöne des Kindes plötzlich schlechter, können die Hebammen einen Anästhesisten des Wenckebach-Klinikums rufen, die Narkose vorbereiten, und die Ärzte können das Kind per Kaiserschnitt holen. Zwischen der Entscheidung und der Geburt liegen keine 20 Minuten – die Chancen, dass das Kind überlebt und keine Schäden davonträgt, sind so sehr gut.

Rund 240 Schwangere entbinden jedes Jahr in der Fera. Seit 1999 kooperieren die Ärzte und Hebammen mit dem Krankenhaus. Auch Frauen, die in einem normalen Geburtshaus nicht genommen würden, weil sie ein etwas höheres Risiko tragen – ältere Mütter etwa oder Frauen, die nach einem Kaiserschnitt normal entbinden wollen – können dort die richtigen Bedingungen finden.

Das soll sich jetzt ändern. Tagsüber bleibt zwar alles beim Alten. Doch nachts will Vivantes für Fera künftig nur noch eine narkoseärztliche Rufbereitschaft bereithalten. Das heißt: Die Anästhesisten sind nicht mehr im Krankenhaus anwesend, sondern zu Hause. Für einen Notkaiserschnitt sind sie unter Umständen nicht schnell genug in der Klinik.

Das Wenckebach-Klinikum bleibe ein Unfallkrankenhaus und daher werde auch eine 24-Stunden-Operations-Bereitschaft an sieben Tagen in der Woche aufrechterhalten, sagt der zuständige Vivantes-Regionaldirektor West, Florian Wenzel. Allerdings seien nachts weniger Anästhesisten in der Klinik als zuvor, weshalb man dann nicht garantieren könne, dass für die Bedürfnisse von Fera ein Anästhesist sofort verfügbar ist. „Notfälle im Krankenhaus gehen natürlich vor.“

Für die Fera könnte diese Entscheidung das Aus bedeuten, da dies das ganze Modell infrage stellt. Das wäre nach Expertenmeinung ein Fehler. Die vielfältigen Angebote für frauenfreundliche Geburten in Berlin müssten erhalten bleiben, sagte Heribert Kentenich, Chefarzt der DRK-Frauenklinik Westend, so auch die Kombination von ambulanter und stationärer Versorgung „auf einem garantiert hohen Sicherheitsniveau wie bei Fera“. Dazu gehört auch die Möglichkeit, in Notfällen schnell operieren beziehungsweise Narkosen geben zu können.

Auf den Info-Abenden, bei denen sich Paare über das Angebot der Fera informieren können, müssen die Hebammen und Ärzte schon jetzt darauf hinweisen, dass die Leistungen ab Dezember in der bisherigen Form nicht aufrechterhalten werden können. Denn Kinder werden nicht nach den Anwesenheitszeiten der Narkoseärzte geboren. Sie kommen, wann sie wollen – oft eben auch nachts.

Nun betont auch Vivantes-Regionaldirektor Wenzel, man wolle die Kooperation mit Fera in der bisherigen Form – also inklusive Narkosearzt in der Nacht – gern fortsetzen, allerdings müsse die Praxis- und Hebammengemeinschaft dafür jährlich zusätzlich 50 000 Euro zahlen. „Das, was Fera aufgrund des alten Kooperationsvertrages für die Nutzung der OP-Säle, den Anästhesisten und andere Klinikleistungen zahlt, ist nicht kostendeckend.“ Nach der Prüfung des Vertrages durch die Unternehmensberatung McKinsey, die den gesamten Konzern durchleuchtet hat, zahle Vivantes sogar drauf – im oberen fünfstelligen Bereich, sagt Wenzel. Mit der Forderung, 50 000 Euro mehr im Jahr zu zahlen, sei man Fera weit entgegengekommen. „Würden wir den Vertrag wie bisher weiterlaufen lassen, wäre das ein Verstoß gegen die Haushaltsordnung des Landes Berlin, wonach Landesunternehmen private Unternehmen nicht subventionieren dürfen.“

Doch die geforderte Summe könne sich Fera nicht leisten, sagt Geschäftsführer Peter Rott. Die Praxis trage sich zwar selbst, aber so hoch seien die Gewinne nicht, dass die Geburtshelfer die Mehrforderung problemlos aufbringen könnten. Stattdessen habe man 20 000 Euro angeboten – doch Vivantes habe das als ungenügend zurückgewiesen. Bisher erwirtschafte der Konzern durch Fera jährliche Einnahmen von über 130 000 Euro, sagt Rott. Er und Doris Nussbaum von der Hebammengemeinschaft haben nicht den Eindruck, dass Vivantes großes Interesse an einem Kompromiss hat. Doch jetzt hat der Klinikkonzern für diese Wochen überraschend einen neuen Verhandlungstermin angesetzt. I.B.,sib,deh

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