Berlin : Gedächtniskirche: Geplantes Hochhaus überschattet Jubiläum

Stiftung des Gotteshauses wird 100 Jahre alt. Gemeinde wehrt sich gegen Bauprojekt

Matthias Oloew

Jubiläum in der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche: Acht Jahre, nachdem der Hundertste des Kirchenbaus von Heinrich Schwechten gefeiert wurde, würdigt die Gemeinde heute mit einem Festgottesdienst das Hundertjährige der Stiftung der Gedächtniskirche. Zum Feiern sind die Gemeinde und der Kirchenkreis Charlottenburg allerdings nicht richtig in Stimmung. Pfarrerin Sylvia von Kekulé sorgt sich, die Kirche am Breitscheidplatz könne künftig fast immer im Schatten stehen. „Und zwar im doppelten Sinne“, sagt sie, „wenn die geplanten Hochhäuser in der Nachbarschaft entstehen.“ Wie berichtet, will der Senat den Bau eines 118-Meter-Hochhauses genehmigen, das die Spitze der Turmruine der Gedächtniskirche nicht nur bei weitem überragen, sondern dem Ensemble aus Schwechten-Ruine und Eiermann-Neubau auch viel Licht nehmen wird. Das neue Hochhaus rückte näher an die Kirche als das Hochhaus des Europacenters, auch fällt dessen Schatten anders.

„Die Stadt muss sich fragen, wie sie mit dem doppelt bedeutsamen Bau – als Kirche und als Mahnmal – umgeht“, fordert die Pfarrerin. Ihr Kollege Volkhard Schliski-Schultke, Vorsitzender des Bau- und Strukturausschusses im Kirchenkreis, hat seine Bedenken bereits beim Senat vorgebracht, allerdings ohne Ergebnis. „Ein Hochhaus an sich macht noch keine Weltstadt“, sagt er. Eine Klage der Gemeinde gegen das Projekt, die theoretisch möglich wäre, „erfordert viel Geld und einen langen Atem“, erklärt Schliski-Schultke. Geld, das die Kirche nicht hat. Petra Reetz, Sprecherin von Bausenator Peter Strieder (SPD), ist über die Verärgerung in der Gemeinde überrascht: „Die Planungen am Breitscheidplatz sind seit Jahren bekannt, immer waren es Hochhäuser“, sagt sie, „und wo Hochhäuser gebaut werden, entsteht Schatten.“

Tatsächlich gehen Architekten jedoch davon aus, dass insbesondere durch das Hochhaus, das an der Stelle entstehen soll, wo derzeit noch das Schimmelpfeng-Haus die Kantstraße überbrückt, der Breitscheidplatz in den Nachmittagsstunden das ganze Jahr über in Schatten getaucht wird. Das hat Konsequenzen für den achteckigen Kirchenbau von Egon Eiermann mit seinen blau schimmernden Fenstern. Fällt weniger Sonne herein, leuchten die Farben im Innenraum nicht mehr so intensiv. Sylvia von Kekulé sieht dadurch das „Kunstwerk von Eiermann in Gefahr“. Sie wundert sich, dass die schriftlich geäußerten Bedenken der Gemeinde und des Kirchenkreises „einfach vom Tisch gewischt werden. Das ist einer Kirche von diesem Rang und dieser Bedeutung nicht angemessen.“

Den Brief an die Senatsbauverwaltung hat die Gemeinde im Rahmen eines Anhörungsverfahrens geschrieben. Dieses Verfahren ist Pflicht, wenn, wie in diesem Fall, der Bau eines Hochhauses durch einen gesonderten Bebauungsplan angeschoben werden soll. Die Verwaltung von Peter Strieder hat die Bedenken der Kaiser-Wilhelm- Gemeinde abgewogen und als nicht gravierend beurteilt. Es überwiege das gesamtstädtische Interesse am Hochhaus.

Der Festgottesdienst zum Jubiläum der Stiftung beginnt am heutigen Sonntag um 10 Uhr. Die Stiftung ist ein Kreis von 18 Personen aus dem öffentlichen Leben, seit 1994 ist Friedrich Wilhelm Prinz von Preußen Vorsitzender des Kuratoriums. Der Stiftung gehört der Kirchenbau, der Grund und Boden am Breitscheidplatz aber dem Land Berlin. Sollte also die Kirche sich aus dem Gebäude zurückziehen, könnte das Land im Rahmen des gültigen Erbbaurechtsvertrages das Gelände zurückverlangen. Die Stiftung wurde unter maßgeblicher Mitwirkung der Kaiserin Auguste Viktoria und des Freiherrn Ernst von Mirbach gegründet. 1904 erteilte Kaiser Wilhelm II. seine Genehmigung. Laut Satzung kümmert sich die Stiftung um die Erhaltung des Gebäudes und die Pflege regelmäßiger Kirchenmusik.

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