Berlin : Gedanken fürs Gedenken

Touristen sind für eine Mauer-Erinnerungsstätte in der Nähe von Reichstag und Pariser Platz

Annette Kögel

Nahe dem Brandenburger Tor scharen sich Touristen am Holocaust-Mahnmal um Fotoplakate am Zaun. Vor allem um eines. Es zeigt aber nicht das Mahnmal. Auf der alten Luftaufnahme sieht man die Mauer am Brandenburger Tor, den Todesstreifen, die Wachtürme. Kaum ein Berlin-Besucher, der dieses Foto nicht fotografiert: So sah sie also aus, die zweigeteilte Stadt. „Wir Amerikaner hätten wohl einen Teil der Grenzanlage stehen lassen und sie unter Denkmalschutz gestellt“, sagt der 37-jährige Brian Todd aus Los Angeles. Er hält den Vorstoß von Bundestagsabgeordneten zugunsten einer zentralen Gedenkstätte am Tor „für eine gute Idee“.

Braucht Berlin ein nationales Mauermahnmal am Brandenburger Tor? Eine Erinnerungsstätte an einem Ort, an dem sich schon jetzt ein Mahnmal neben dem anderen befindet? Kaum einer am Brandenburger Tor, den diese Frage gestern kalt ließ.

Dass sich unweit des Tores das Ehrenmal für die im Zweiten Weltkrieg gefallenen sowjetische Soldaten befindet, die „Rufer“-Skulptur nach Gerhard Marcks und der „Raum der Stille“ im Torhaus Frieden, Meinungsfreiheit und Völkerfreundschaft anmahnen, dass der „Platz des 18. März“ an die Geburtsstunde des demokratischen Parlamentarismus erinnert und bald unweit des Holocaust-Mahnmals auch eines für die ermordeten Sinti und Roma entstehen soll – die Fülle des Gedenkens ist für viele Berlin-Besucher kein Argument dagegen. „Ist doch praktisch, wenn man alles kompakt vorfindet“, sagt Danilo Struck, 21, aus dem erzgebirgischen Crottendorf. „Die Stätte sollte nur nicht den schönen Blick zur Siegessäule versperren“, sagt sein Kumpel Oliver Küchler. So ein Mahnmal sollte „möglichst naturgetreu“ sein, finden beide.

„Viele Touristen hätten am liebsten einen Mauer-Actionpark ähnlich dem Filmstudio Babelsberg“, sagt Martina Ralitsas von der BTM-Touristeninformation am Tor. Ihr Kollege Sven Thiersch würde gerade wegen des Betriebs eine Gedenkstätte an anderem Ort vorziehen, etwa an der Nobelstraße in Neukölln, wo Chris Gueffroy als letztes Maueropfer starb. An den am 5. Februar 1989 Erschossenen erinnert ein weißes Spanplattenkreuz an der vom Berliner Bürgerverein initiierten Gedenkstätte Ebertstraße Ecke Scheidemannstraße; ein paar Schritte weiter am Spreeufer stehen weitere Maueropfer-Kreuze. Ex-Stasi-Häftling Gustav Rust – er trägt demonstrativ Handschellen – pflegt die Blumenkästen mit Heidekraut am Tor, beschreibt Touristen den Weg zu Museum und Mauerpark von Alexandra Hildebrandt am Checkpoint Charlie. Offizielles Gedenken, hier? „Das dürfte nicht so eiskalt und abstrakt sein wie an der Bernauer Straße.“ Tanja Ruf, 31, aus Kirkel bei Saarbrücken hält vor den Kreuzen inne. „Ich bin immer noch tief bewegt.“ Die Beklommenheit, die sie zu DDR-Zeiten bei Berlin-Besuchen verspürte, müsse für immer nachvollziehbar bleiben. „Am besten durch Fotos. Ohne Worte.“

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