Gedenken an den 18. März 1848 : Die Deutschen bräuchten einen Freudentag

Eine Initiative will den 18. März zum nationalen Gedenktag erheben, um an die Berliner Revolution von 1848 zu erinnern. Bitte nicht. Es gibt schon genug deprimierende Jahrestage im nationalen Kalender.

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Jubel, Trubel, Reiterei: Laiendarsteller proben am Alex den Aufstand von 1848.
Jubel, Trubel, Reiterei: Laiendarsteller proben am Alex den Aufstand von 1848.Foto: Thilo Rückeis

Uns Deutschen fehlt ein Freudenfest. Gedenken wir unserer Nation, hängen die Mundwinkel eigentlich immer auf Halbmast. 27. Januar: Tag der Befreiung von Auschwitz (1945 durch die Rote Armee), seit 1996 Gedenktag für die Opfer des Nationalsozialismus. 17. Juni: früher im Westen der Tag der Deutschen Einheit, wegen der Erinnerung an den niedergeschlagenen Volksaufstand in der DDR (1953 durch die Rote Armee). 20. Juli: gescheitertes Attentat auf Hitler. 9. November: Maueröffnung – doch selbst auf der Glücksnacht von 1989 liegt wie eine Grabplatte die tonnenschwere Last des 9. November 1938, der Pogromnacht.

Und alle Jahre wieder kommt der Berliner Grünen-Politiker Volker Schröder mit seinem Vorschlag, den 18. März zum Tag der nationalen Besinnung zu machen. Unermüdlich und leidenschaftlich kämpft dieser Mann für seine Forderung – seit 1978! Erreicht haben er und seine Mitstreiter immerhin, dass es vor dem Brandenburger Tor einen „Platz des 18. März“ gibt. Der Name soll gleichermaßen an die Berliner Barrikadenkämpfe von 1848 erinnern wie an die erste freie Volkskammerwahl in der DDR von 1990. Keine Frage, Letztere hat Demokratiegeschichte geschrieben, das war mal ein glückliches Datum für die Deutschen.

Eine Muskete verhakt sich am Griff eines Säbels - peng!

Die von Volker Schröder ins Leben gerufene „Aktion 18. März“ will die Erinnerung an die Revolution von 1848 mit einem nationalen Gedenktag zur Staatsaufgabe machen. Bundespolitiker wie Wolfgang Thierse, Katrin Göring-Eckardt und Petra Pau unterstützen die Idee, auch der ehemalige CDU-Bundestagsabgeordnete Wolfgang Börnsen erwärmt sich dafür. Eine weitere Forderung der Aktivisten: Der Friedhof der Märzgefallenen in Friedrichshain soll zur nationalen Gedenkstätte werden. Zur alljährlichen Sozialistenprozession zu den Gräbern von „Rosa und Karl“ käme dann ein weiterer Trauermarsch für tote Revolutionäre. Triste Vorstellung!

Vielleicht ist sie ja zu Recht aus dem kollektiven Bewusstsein verdrängt, die gescheiterte Märzrevolution, dieser tragische Unfall, der mit einer romantischen Illusion begann: dass nämlich im Streben nach demokratischer Verfassung und nationaler Einheit ein friedlicher Interessenausgleich zwischen Volk und Fürsten möglich wäre. Schauen wir uns das Drama im Zeitraffer an: 18. März 1848, ein sonniger Samstag auf dem Berliner Schlossplatz. Preußenkönig Friedrich Wilhelm IV. verkündet: Er will Pressefreiheit, eine Bundesverfassung, ein einig deutsches Vaterland. Großes Hurra, Jubel, Trubel, Reiterei. Soldaten fallen aus dem Sattel. Der Abzugsbügel einer Muskete verhakt sich am Griff eines Säbels – peng.

Der Stock eines Demonstranten trifft den Zündstift eines Gewehrs – peng. Die beiden Schüsse lösen eine Kettenreaktion aus. Ein eilig bemaltes Banner mit der Aufschrift „Ein Missverständnis! Der König will das Beste!“ bleibt wirkungslos. Bilanz des Missverständnisses: mehrere hundert tote Zivilisten und Soldaten, tausende Verletzte. Der König neigt sein Haupt vor den Opfern, aber für die Kaiserkrone, die ihm ein Jahr später die Frankfurter Nationalversammlung anträgt, will er seinen Kopf nicht mehr hergeben. Und das war’s dann mit der deutschen Revolution von Königs Gnaden. Was folgt, sind Restauration und Repression: Zigtausende „Fourty-Eighters“ kehren Deutschland den Rücken und suchen die Freiheit in Amerika. Nach der gescheiterten Wende 1848/49 gibt es in deutschen Landen nicht mehr, sondern weniger Demokraten. Was bleibt, ist Biedermeier.

Bitte keine eingezogenen Schultern unter Regenschirmen

Sicher ist es wichtig, an das schmerzvolle Ringen für die Demokratie in Deutschland zu erinnern, an die Männer und Frauen, die für Einigkeit und Recht und Freiheit stritten und ihr Leben hingaben. Aber bitte nicht mit einem offiziellen Gedenktag, mit eingezogenen Schultern unter Regenschirmen, Trommelwirbeln und Kranzabwürfen.

Erfreuen wir uns lieber am 23. Mai, dem Tag, an dem 1949 das Grundgesetz für die BRD gültig wurde, die wir heute so wunderbar demokratisch und vereint bewohnen. Ein schöner Frühlingstag, oft mit heiteren Aussichten, der zum Volksfest einlädt.

Dieser Text erschien als Rant im Tagesspiegel-Samstagsmagazin Mehr Berlin.

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