Gedenken an Deportation : Vom Gleis 17 in den Tod

Vor 70 Jahren begann die Deportation der Berliner Juden. In einer Gedenkveranstaltung am S-Bahnhof Grunewald wird heute der Opfer gedacht.

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Berlins Regierender Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) und die Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde in Berlin, Lala Süsskind, legen auf dem Gleis 17 am Bahnhof Grunewald in Berlin weiße Rosen nieder. Foto: dpaAlle Bilder anzeigen
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19.10.2011 11:00Berlins Regierender Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) und die Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde in Berlin, Lala Süsskind, legen...

Auf den Tag genau vor 70 Jahren wurden die ersten Berliner Juden in den Osten deportiert. 1089 Kinder, Frauen und Männer saßen im ersten sogenannten „Osttransport“, der die Stadt am 18. Oktober 1941 vom Bahnhof Grunewald in Richtung Ghetto Litzmannstadt (Lodz) verließ. Am heutigen Jahrestag soll dort, am Mahnmal „Gleis 17“ am S-Bahnhof Grunewald, um 14 Uhr mit weißen Rosen der Deportation gedacht werden. Insgesamt 55 000 Berliner Juden wurden von den Nazis verschleppt und ermordet.

„Wir wollen an den ersten von vier Judentransporten nach Litzmannstadt erinnern. Ich rufe die Berlinerinnen und Berliner dazu auf, teilzunehmen“, sagte der Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit. Auch Kulturstaatssekretär André Schmitz forderte zum Kommen auf, „um der Opfer zu gedenken und ein Bekenntnis zur wiedergewonnenen Vielfalt Berlins abzugeben“. Es sei das erste Mal, dass Berlin in dieser Form an den Beginn der Verschleppung und Ermordung seiner jüdischen Mitbürger vor 70 Jahren erinnert.

Neben Wowereit und Lala Süsskind, der Vorsitzenden der Jüdischen Gemeinde, wird auch Inge Deutschkron zu den Gästen sprechen. „Gerade die jungen Menschen müssen wissen, was Nationalsozialismus bedeutet hat“, sagt sie. Deutschkron, 89, überlebte den Naziterror, weil sie gute Freunde hatte, die sie versteckten. Sie musste erleben, wie Freunde und Bekannte für immer verschwanden. Eine Frau, bei der sie in Schöneberg gewohnt hatte, wurde am 16. Oktober 1941 von der Gestapo abgeholt, erinnert sich Deutschkron. Sie kam ins Sammellager Levetzowstraße in Moabit, zwei Tage später saß sie im ersten Deportationszug.

Die meisten Juden seien sogar freiwillig ins Sammellager gegangen, weil sie eine „behördliche Aufforderung zur Abwanderung in den Osten“ bekommen hätten, sagt Alfred Gottwaldt vom Technikmuseum, Experte für Reichsbahntransporte. Dort sei ihr Vermögen eingezogen worden. Zwei Tage später mussten sie zum Bahnhof Grunewald laufen, über die Kantstraße nach Halensee, über die Ringbahnbrücke und die Trabener Straße runter. Weil den Polizisten von dem langen Weg die Füße wehgetan hätten, hätten die Nazis seit Sommer 1942 den Bahnhof Moabit für die Transporte genutzt, sagt Gottwaldt. Für die ersten Züge hätte die Reichsbahn ältere Personenwagen der 3. Klasse benutzt. 50 Personen hätten auf den Holzbänken gesessen, sagt Gottwaldt. Güterwaggons seien in Berlin erstmals im Februar 1942 erwähnt worden.

Bei der Gedenkveranstaltung der Senatskanzlei für kulturelle Angelegenheiten, der Stiftung Denkmal für die ermordeten Juden Europas und der Jüdischen Gemeinde wird der Chor der Berliner Singakademie auftreten, Schüler aus Berlin und Israel werden Gedichte vorlesen.

Die Israelitische Synagogen-Gemeinde Adass Jisroel kritisiert derweil, nicht bei Planung und Programm berücksichtigt worden zu sein. Der Senat würde eine Gemeinde beteiligen und eine „andere von einer gleichberechtigten Beteiligung“ ausschließen, sagte Moshe A. Offenberg, Geschäftsführer der kleinen orthodoxen Gemeinde. Auch deren Mitglieder seien deportiert worden. Durch dieses „selektive Gedenken“ würde der Senat eine „nachträgliche Hierarchisierung der Opfer vornehmen“, sagte Offenberg. Die Gemeinde sei eingeladen worden, heißt es dazu aus der Senatskanzlei für kulturelle Angelegenheiten. Nachträglich ins Programm einbezogen werden könnten sie nicht mehr.

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