Berlin : Gedenken: Halt im Alltag

Die Gewerkschaften,Arbeitgeber hatten für

Die Gewerkschaften und Arbeitgeber hatten für gestern zum fünfminütigen Innehalten aller Geschäfte, jeden Verkehrs aufgerufen, um der Opfer der Terroranschäge in den USA zu gedenken. Wir haben uns an sechs Orten der Stadt umgeschaut, ob und wie diesem Aufruf Folge geleistet wurde.

Der Zug nach Hoyerswerda, Abfahrt Bahnhof Zoologischer Garten 9 Uhr 59, fuhr fünf Minuten später. Die Ansage kam eine Minute vor der für 10 Uhr erwarteten Schweigeminute. Noch spulte das Fernsehgerät in der Haupthalle sein Programm mit Nachrichten und New Yorker Berichten ab. Noch quietschte eine Gruppe älterer Frauen vergnügt in Erwartung ihrer Unternehmungen, aber natürlich wollten sie punkt 10 Uhr "die Klappe halten", wie sich eine Frau hierzu äußerte.

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Osama bin Laden: Amerikas Staatsfeind Nummer 1 gilt als der Hauptverdächtige In den Bahnhofsgeschäften war - Stichprobe bei dreien - von einer Gedenkminute nichts bekannt, aber den Hinweis nahmen die Verkäuferinnen dankbar an. Der Anlass war ihnen selbstverständlich bekannt. Der Zeiger der Hallenuhr zuckte auf 10 Uhr, als auf dem großen Bildshirm ein Trauertext der Deutschen Bahn erschien, der Ton ausblieb und eine sanfte Männerstimme über Hallenmikrophon das Gedenken ansagte. Für eine Bahnhofshalle mit Kommen, Gehen, Warten, Lungern und kleinen Geschäften wurde es tatsächlich augenblicklich stiller als gewohnt. Wohin blicken die Menschen, die innehalten? Hier zumeist in Richtung Fernsehgerät, einige sahen ernst vor sich hin, in sich, wenige irritiert von der ungewohnten Stille um sich. Sie währte indes nur exakt eine Minute. Dann begann die Saftpresse im Obstladen wieder zu lärmen, das Fernsehen nahm seinen Faden wieder auf und spulte sein Programm ab. In das "erlöste" Schweigen drang kaum noch hörbar die sanfte Männerstimme aus dem Lautspreher, die Dank sagte. -erk

Ein Schild auf der Eingangstür kündigt den Arbeitsstillstand im KaDeWe an. "Hatten Sie an einen Blazer oder Mantel gedacht?", fragt die Verkäuferin eine von drei Kundinnen. Es ist Punkt 10 Uhr. Eine Stimme sagt durch die Lautsprecheranlage: "Unser Mitgefühl gehört dem ganzen amerikanischen Volk ..." Die drei Frauen drehen sich von dem Mantelständer weg und stehen nun vor einem Tisch mit Kaschmirpullovern. "Hast Du...", "Pssst". Es wird nicht mehr kassiert, nicht mehr bedient. Nach einigen Sekunden stehen alle still, die Hände vor dem Schoß überkreuzt. Die Blicke scheifen im Raum umher. Vom Nachbarn zum Gegenüber, durch Pulloverstappel zu den Mänteln - und kommt schließlich auf dem Boden zur Ruhe. Nach eineinhalb Minuten lösen sich die Ersten und verlassen leise, mit gesenkten Kopf das Haus. Dort stehen im Eingangsbereich sechs Leute, schauen auf die, die dort im Kaufhaus stehen. Drinnen wird die Stille nur durch das leise Scharren der laufenden Rolltreppen unterbrochen. isbi

Alles wie immer, um zehn Uhr im Bahnhof Kottbusser Tor: Vier Jugendliche drücken sich am Passbildautomaten herum, ein Punk sitzt auf der Erde, vor ihm eine Mütze und ein Pappschild. Die Durchsage ("...in Gedenken an die Opfer von Terror...") ist hier unten unmöglich zu verstehen. Oben auf dem Bahnsteig stehen die Züge still, wieder erinnern Lautsprecherdurchsagen an die amerikanischen Opfer, rufen zum Innehalten auf - ohne durchschlagenen Erfolg. Am Kiosk werden Zeitungen und Cola-Dosen verkauft, Fußgänger schlendern auf dem Bahnsteig entlang. Auch das Bild in den Abteilen gleicht der Stimmung an anderen Tagen: Manche lesen Zeitung, andere starren vor sich hin. Vielleicht gedenken sie der Opfer, vielleicht der letzten Gehaltsabrechnung. "Weißt Du was es kostet, wenn man bei Daimler Benz nur für zehn Minuten alles stehen und liegen lässt? Millionen!", sagt eine junge Frau zu ihrer Freundin und befindet: "Das sollten sie lieber spenden." Als der Zug sich ruckelnd wieder in Bewegung setzt, lächeln zwei Jugendliche. Sie wirken irgendwie erleichtert, die anderen lesen Zeitung oder starren vor sich hin. Alles wie immer. Oder? kf

Um kurz vor zehn rattern die Maschinen wie üblich in der Fertigungshalle der Berliner Kindl Brauerei in Neukölln. Im Dunst von Hefe und Malz stehen fünf Arbeiter an den Abfüll-, Etikettier- und Kontrollanlagen - fast alles läuft hier mittlerweile computergesteuert. Die braunen Flaschen sausen über die Bänder. Als die Werksuhr Zehn schlägt, wird das Rattern leiser, bis es wenige Sekunden später völlig verstummt. Ein wenig unsicher schauen sich die Männer an den Maschinen um, falten dann ihre Hände und blicken still in die Halle. Mit einem Aushang hatte das Unternehmen die Angestellten über den geplanten Halt informiert, "um nach dem Geschehen in den USA in Stille zu reflektieren und damit das Mitgefühl auszudrücken". Auch in den Büroetagen lassen die Beschäftigten die Arbeit ruhen, kommen in kleinen Gruppen zusammen oder sitzen stumm an ihrem Schreibtisch. Keine Gespräche, keine Telefonate. Stille. "Jeder denkt sich seinen Teil", sagt ein Mitarbeiter später. tabu

Bahnhof Schönholz, Punkt zehn. Der Zug aus Norden rollt ein, hält - jetzt muss gleich die Durchsage kommen. Kommt aber nicht. Der Zug steht schätzungsweise eine Minute, dann fährt der Gegenzug aus südlicher Richtung ein. Der erste fährt ab. bm

Es war wohl die stillste Eröffnung aller Zeiten. Um kurz vor 10 Uhr war gerade ein gutes Dutzend Besucher durch die Eingangskontrollen im Jüdischen Museum geschlüpft, hatte die Regenjacken an der Garderobe abgegeben und wollte sich auf den Weg in die Ausstellung machen. Weil es keine Durchsage gab, vergingen zwei Minuten bis sich die Stille einstellte. Auch die Mitarbeiter waren erst unmittelbar vor den Gedenkminuten informiert worden. Besucher und Guides blieben stehen, wo sie waren und blicken zu Boden. Andere saßen auf den Bänken vor der Treppe zum Libeskindbau. Ein ahnungsloser Wachmann kam in der vierten Gedenkminute federnd eine hintere Treppe herunter. Mit seinen schweren Schuhen ging der Richtung Ausgang, bis er die schweigenden, bewegungslosen Menschen sah. Der Schritt des Wachmanns gefror, er faltete die Hände vor dem Bauch und senkte den Kopf. ry

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