Berlin : Gedenken mit Hilferuf

Bei der Mahnwache für die ermordete Türkin Hatun Sürücü in Neukölln wurde an die Verantwortung islamischer Institutionen appelliert

Tanja Buntrock/Annette Kögel

Zwischen den Rosen liegen Abschiedsgrüße: „Liebe Hatun, wir werden Dich und Deine fröhliche Art nie vergessen“. „Hatun soll uns eine Mahnung sein (...) für alle, die in Angst mitten unter uns leben“, ist auf einem anderen Zettel zwischen roten Windlichtern zu lesen.

Etwa 120 Menschen waren nach Schätzungen der Polizei am Dienstagvormittag nach Tempelhof zur Mahnwache an den Tatort am Oberlandgarten gekommen, dorthin, wo die 23-jährige Hatun Sürücü am 7. Februar erschossen worden war. Übereinstimmend forderten die Redner das Recht auf ein selbstbestimmtes Leben für Frauen. Es dürfe nun aber „nicht bei Lippenbekenntnissen bleiben“, forderte etwa Anwältin Seyran Ates. Moscheen und islamische Vereine müssten in ihren Reihen vermitteln, dass „weder archaische Tradition noch Religion“ einen Mord wegen angeblich verletzter Ehre rechtfertigen. Wie berichtet, wurden drei Brüder der Getöteten als Tatverdächtige verhaftet. Ihnen soll der westliche Lebensstil ihrer Schwester missfallen haben. „Es ist nicht ehrenvoll, zu töten“, sagte Ates durchs Megafon – mit dem die Polizei nach technischen Problemen aushalf.

Türken müssen sich in Moscheen damit beschäftigen, „dass Religion nicht missbraucht werden darf“, sagte Grünen-Fraktionschefin Sibyll Klotz. Es müsse eine Debatte unter Türken über die Rolle der Frau geben, forderten Sozialdemokratin Dilek Kolat und die Migrationsbeauftragte des Bundes, Marieluise Beck. Es gebe in Berlin so viele Ehefrauen, die in Angst leben, die geschlagen, getreten, vergewaltigt werden, mahnten die Rednerinnen und äußerten Angst vor Nachahmetaten. „Zwangsehe muss ein eigener Straftatbestand werden“, sagte Patricia Schneider von der Berliner Initiative gegen Gewalt gegen Frauen (BIG). Bastian Finke sprach für den Hauptveranstalter des Gedenkens, den Lesben- und Schwulenverband LSVD: „Auch Hatun hat für einen eigenen Lebensentwurf gekämpft, den die Familie nicht akzeptierte.“ Unter den Trauernden waren auch zwei Frauen vom Jugendaufbauwerk, die Hatun Sürücü betreuten. Hatun war in Berlin aufgewachsen, mit 15 Jahren zur Zwangsheirat in die Türkei geschickt worden. Als sie auf eigene Faust nach Berlin zurückzog, besorgten ihr die Frauen eine kleine Wohnung in Tempelhof. Damals sei Hatun noch ungeschminkt gewesen, sie trug ein Kopftuch, holte den Schulabschluss nach. „Dann hat sie ihr Leben selbst in die Hand genommen und die Ausbildung als Elektroinstallateurin begonnen“, sagt eine der Frauen. Bereits damals habe Hatun berichtet, dass sie von ihren Brüdern bedroht werde, weil sie sich der Tradition widersetze. Sie sei lebensfroh und eine fürsorgliche Mutter gewesen. „Niemand hat geahnt, was für ein Ausmaß das annimmt.“

Noch nach Ende der Mahnwache sprachen Schülerinnen der Thomas-Morus-Hauptschule in Mikrofone und Fernsehkameras – jener Schule, an der drei Jugendliche den vermeintlichen Ehrenmord gutgeheißen haben sollen. „Es tut uns leid, dass einige Schüler so einen Mist erzählen“, hatten sie auf das selbst gemalte Plakat der Klasse geschrieben. Etwas abseits stand ihr Lehrer, der die Äußerungen an Schulleiter Volker Steffens weiter gemeldet hatte. Steffens löste dann durch einen Offenen Brief über den Vorfall die Debatte zum Wertekundeunterricht und zur Integration in Berlin aus.

Die Jungen seien türkischer, arabischer und polnischer Herkunft, erzählten die Mädchen. „Sie sind eigentlich ganz okay. Und jetzt sind sie ein bisschen ängstlich“, sagte eine von ihnen, die mit ihnen in dieselbe Klasse geht. In der Diskussion im Unterricht sollen die drei Schüler gesagt haben, es sei richtig, dass „die Schlampe“ getötet worden sei, wenn sie so lebt wie eine Deutsche. Dann sollen die drei gelacht haben. Ihr Kunst- und Deutschlehrer sei sauer gewesen und habe geschrien, sagte eine Klassenkameradin. „Das finde ich auch nicht okay, schließlich kann doch jeder seine Meinung sagen.“ Sie selbst trage seit drei Monaten ein Kopftuch. Da sei ihre Mutter gestorben, und das Tuch bedeute für sie auch eine Ehrung der Eltern. „In jedem Haus gelten andere Gesetze“, warb sie selbstbewußt für den muslimischen Glauben. „Doch Mord darf nicht sein.“

Ihr Lehrer wollte seinen Namen nicht nennen. Wovor er Angst hat? „Vor Fundamentalisten.“ Ja, er habe gebrüllt, er habe das so nicht stehen lassen können. Wie er jetzt mit der Klasse weiter umgeht? „Ich werde jetzt immer wieder das Grundgesetz durchnehmen. Und große Kunstwerke daraus machen, so metergroße Bilder.“

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