Gedenken : Streit um eine Mauerlücke

Rekonstruktion oder nicht? Neue Diskussion um die Gestaltung der Gedenkstätte an der Bernauer Straße.

Werner van Bebber

Alles schien klar an der Bernauer Straße: Die Mauer, die dort mal stand und immer noch steht, soll bleiben. Was aber abgerissen ist, soll nicht wieder aufgebaut werden. Stattdessen sollen Stelen aus Stahl den Mauerverlauf markieren. Das war das Ergebnis des Wettbewerbs um die Gestaltung der Mauergedenkstätte. Doch neuerdings gibt es wieder Überlegungen zur Rekonstruktion der Mauer. Damit soll sich der Stiftungsrat der Gedenkstätte an diesem Donnerstag befassen.

Die Frage: Rekonstruktion der Mauer – oder nicht? war schon immer für einen Streit unter den Fachleuten des Mauergedenkens gut. Nun muss sich Axel Klausmeier, der im November berufene Direktor der Mauerstiftung, damit befassen. Ein über 200 Meter langer Mauerstreifen an der Bernauer Straße lässt ahnen, wie der Betonwall die Stadt zerteilte. Doch gibt es eine Lücke von 19 Metern – und darum dreht sich die neue Diskussion, von der niemand sagen kann, warum es sie plötzlich gibt. Sicher ist: Wenn sich die Befürworter der Rekonstruktion im Stiftungsrat durchsetzen sollten, gibt es Schwierigkeiten beim geplanten Ausbau der Gedenkstätte bis zum Jahr 2011. Denn am Streit um den Lückenschluss mit 20 Mauerteilen, die noch vorhanden sind und dort mal standen, hängt die Einigung zwischen der Stiftung Berliner Mauer und der Sophiengemeinde.

Sophiengemeinde wollte Abschied von der Mauer nehmen

Die Gemeinde, auf deren Liegenschaften samt Friedhof die Mauer steht, hat die Lücke in der Mauer 1997 hergestellt. Man habe damals ein Zeichen setzen wollen, sagt Gemeinderatsmitglied Holger Kulick. Die Sophiengemeinde habe „Abschied“ von der Mauer nehmen wollen und dort, wo Kriegsgräber vermutet werden, die Mauerteile abräumen lassen. Das sei selbstverständlich genehmigt gewesen und danach von niemandem mehr infrage gestellt worden – auch nicht im Zusammenhang mit dem Wettbewerb zum Ausbau der Gedenkstätte. Nun sei die Gemeinde „extrem überrascht“ von Überlegungen zur „Rekonstruktion“ der Mauer in der Lücke.

Die Verfechter der Idee haben sich jedenfalls politische Fürsprache verschafft. Der Bundeskulturbeauftragte Bernd Neumann lässt sich mit der Meinung zitieren, er sei „eindeutig“ für die Schließung der Lücke. Der Direktor der Gedenkstätte im Stasi-Untersuchungsgefängnis Hohenschönhausen, Hubertus Knabe, sagt, er „würde es begrüßen, wenn Originalteile dort zu sehen wären, wo sie gestanden haben“. Die Berliner Kulturpolitikerin Monika Grütters (CDU) ist ebenfalls für eine möglichst eindrückliche Gestaltung der Mauergedenkstätte. Sie räumt aber ein, dass sie die Details der Grundstücksverhandlungen zwischen der Mauergedenkstätte und der Sophiengemeinde nicht kennt.

Darin liegt das Hauptproblem: Laut Gemeinderatsmitglied Kulick, der mit den Grundstücksverhandlungen betraut ist, wird der Kirchenrat von Sophien darauf bestehen, dass die Lücke in der Mauer nicht geschlossen wird. „Wir bleiben bei unserer Position.“


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