Gedenken : Tausende besuchten den "Zug der Erinnerung“

Die rollende Gedenkschau ist am Ostbahnhof in Berlin eingetroffen. Tausende Besucher verfolgen die Zeremonie auf dem Bahnsteig am Gleis 1. Für die Haltung der Bahn hagelte es erneut Kritik.

Rita Nikolow
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Eine Rose an einem Waggon am "Zug der Erinnerung"Foto: ddp

„Auf Gleis 1 heute kein Zugverkehr wegen Zug der Erinnerung“, ist auf einem Schild vor dem Treppenaufgang zu lesen. Um kurz vor zwölf steht der Zug, um den es in den vergangenen Tagen so heftigen Streit gab, auf dem Gleis. Tausende sind zum Ostbahnhof gekommen, um die Wanderausstellung über deutsche und europäische Kinder zu sehen, die von den Nationalsozialisten in Konzentrationslager deportiert wurden – mit der Reichsbahn.

„Die Deutsche Bahn ist der Nachfolger der Reichsbahn, und die hat die Kinder in die Todeslager gefahren“, versucht ein Vater seinem kleinen Sohn die Geschichte zu erklären. Die Organisatoren der Ausstellung bemühen sich dagegen, die Auseinandersetzung mit der Bahn in den Hintergrund treten zu lassen. Die Deutsche Bahn hatte einen Halt des „Zuges der Erinnerung“ am Hauptbahnhof untersagt und dies mit Sicherheitsbedenken begründet.

Der 84-jährige Holocaust-Überlebende Herbert Shenkmann zeigt in seiner Eröffnungsrede, worum es der Ausstellung eigentlich geht: „Ich hatte in meinem Leben viermal das zweifelhafte Vergnügen, von der Reichsbahn gegen meinen Willen befördert zu werden“, sagt er mit fester Stimme. Im Viehwaggon wurde Shenkmann in mehrere Konzentrationslager transportiert. Die Waggons, die heute auf Gleis 1 stehen, stammen dagegen aus den sechziger und siebziger Jahren. „Wir wollten die Deportationen nicht inszenieren“, erklärt Ausstellungsmitarbeiter Stephan Wirtz. Vor dem Zug hat sich mittlerweile eine Schlange gebildet, die so lang ist wie das halbe Gleis. Im Inneren drängen sich die Besucher. In jedem Abteil hängen Tafeln, die vom kurzen Leben deportierter Kinder erzählen. Der 17-jährige Schüler Janusz Pogonowski, ein hübscher dunkelhaariger Junge, ist auf einem Bild mit seinem Vater und Bruder zu sehen – eine bürgerliche Familie. Darunter drei Bilder von Janusz in Häftlingskleidung: Sein Gesicht ist schmaler, sein Blick ist leer. 1943 wurde er in Auschwitz ermordet.

„Ich finde die Ausstellung gut“, sagt eine 46-jährige Ausstellungsbesucherin. Deshalb hat sie am Samstagabend auch mit rund 600 anderen am Schweigemarsch zur Bahnzentrale am Potsdamer Platz teilgenommen. Nach Angaben der Polizei störten drei Jugendliche die Kundgebung mit antisemitischen Parolen. Hauptakteur sei ein 17-Jähriger Iraker gewesen, der antijüdische Beleidigungen gebrüllt habe. Gegen ihn wurde ein Ermittlungsverfahren wegen Volksverhetzung und Beleidigung eingeleitet.

Die Ausstellung ist am Ostbahnhof noch einmal heute von 9 bis 19 Uhr zu sehen. Morgen fährt der Erinnerungszug nach Lichtenberg. Weitere Stationen in Berlin sind Schöneweide, der Westhafen und Grunewald. Vorläufige Endstation soll am 8. Mai, dem Jahrestag der deutschen Kapitulation, in Auschwitz sein. Rita Nikolow

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