Gedenken : Telefonbuch der Trauer

Im 1941er Telefonverzeichnis von Berlin standen nur noch 500 Namen von Juden. Per Erlass wurden sie ab 1940 vom Fernsprechverkehr ausgeschlossen. Es gab nur wenige Ausnahmen.

BerlinWir schlagen wahllos die Seite 43 auf und lesen in wenigen Zeilen die Geschichte eines Berliner Mediziners: Frankenstein, Israel Selmar, Dr. med., W 15, Meierottostraße 6: 1871 in Bischofsburg/Ostpreußen geboren, Todesdatum: 24. 10. 1942 Theresienstadt. Studium: Königsberg, Approbation 1894 und niedergelassen als Allgemeinpraktiker seit 1902. Er trug den Titel Sanitätsrat. Im Ersten Weltkrieg war er der Leibarzt von Prinz Rupprecht von Bayern. Mehr Namen und Schicksale enthält das Buch „Berliner Juden 1941“ (22 Euro), das der Verlag Hentrich&Hentrich in der Schriftenreihe des Centrum Judaicum jetzt im Museum für Kommunikation vorgestellt hat. Der Jurist und Politikwissenschaftler Hartmut Jäckel von der FU und der Direktor des Centrum Judaicum, Hermann Simon, dokumentieren auf über hundert Seiten erstmals Namen, Berufe und Schicksale all jener 500 jüdischen Bürger Berlins, die noch 1941 im Fernsprechbuch der Reichshauptstadt genannt werden. Zehnmal so viel waren es noch im vorhergehenden Telefonverzeichnis gewesen.

Im Juli 1940 waren die deutschen Juden durch einen Erlass vom Fernsprechverkehr ausgeschlossen worden, ihre Anschlüsse wurden gekündigt, die Telefone eingezogen. Sie durften nicht einmal das Telefon ihres Vermieters benutzen, Ausnahmen galten nur für Rechtsanwälte, Ärzte und für Juden, die in einer sogenannten privilegierten Mischehe lebten. Und alle mussten die Zwangsvornamen „Israel“ oder „Sara“ tragen. (Lo.)

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