Berlin : Geduldet, aber ohne Existenz

Die koreanische Dirigentin Hee-Seon Jin darf zwar hier bleiben – weiß aber nicht, wovon sie leben soll

Claudia Keller

Als Hee-Seon Jin in ihren Pass schaute, verflog die Freude schnell. Innensenator Ehrhart Körting (SPD) hat ihr im September zwar die ersehnte Duldung erteilt, aber dadurch kann sie jetzt nur noch eingeschränkt arbeiten. „Ich verstehe nicht, warum man mir immer wieder Steine in den Weg legt“, sagt die 38-jährige Koreanerin mit Tränen in der Stimme.

Wie der Tagesspiegel berichtete, ist Hee-Seon Jin vor 21 Jahren nach Deutschland gekommen, um ihre Ausbildung zur Dirigentin abzuschließen. Sie studierte bei Stardirigent Sergiu Celibidache, arbeitete nach ihrer Ausbildung beim Hessischen Staatsorchester. Auch der Chef des Berliner Sinfonieorchesters, Kent Nagano, interessierte sich für die Nachwuchsdirigentin. Während dieser Jahre stand die Koreanerin mehrmals kurz vor der Abschiebung, zuletzt im August. Gerettet wurde sie nur dadurch, dass sich viele Prominente dafür einsetzten, dass hier bleiben kann, darunter Egon Bahr, der frühere BDI-Präsident Hans-Olaf Henkel und Bundesinnenminister Otto Schily. Die neuerliche Duldung vom Land Berlin gestattet Hee-Seon Jin, bis März 2005 hier zu bleiben. Danach könnte sie ein Fall für die Härtefallkommission sein, die im Rahmen des neuen Zuwanderungsgesetzes einberufen wird, sagte Körting.

In ihrem Pass steht jetzt allerdings der Vermerk: „Selbstständige Erwerbstätigkeit oder vergleichbare unselbstständige Erwerbstätigkeit nicht gestattet. Arbeitsgenehmigungspflichtige Erwerbstätigkeit nur gemäß gültiger Arbeitsgenehmigung gestattet.“ Das heißt, dass sie sich nicht selbstständig machen darf und für angestellte Tätigkeiten eine Arbeitsgenehmigung vom Arbeitsamt braucht. Aber diese Genehmigung bedeutet nicht, dass sie jeden Job machen darf. „So ist es bei allen üblich, die eine Duldung haben“, sagt der Sprecher der Innenverwaltung. Ihr Zugang zum Arbeitsmarkt ist eingeschränkt. In Berlin leben momentan 10 300 Menschen mit Duldung.

Immer wenn Hee-Seon Jin in den vergangenen Jahren keine Arbeit fand, kamen ihre Eltern in Korea für sie auf. Das aber sei im Moment nicht möglich, sagt die kleine, zierliche Frau. Deshalb sucht sie nun dringend einen Job. Klavierstunden darf sie privat keine mehr geben, denn dazu müsste sie sich ja selbstständig machen. Nun hatte ihr eine Firma eine Arbeit als Telefonistin in Aussicht gestellt, aber Jin nach dem Blick in den Pass abgelehnt. Denn bei der Besetzung einer Stelle muss eine Firma diejenigen bevorzugen, die gar keine Arbeitsgenehmigung brauchen oder die im Status höher stehende Arbeitserlaubnis haben.

Nur dann, wenn es so jemanden nicht gibt, kommen die Geduldeten zum Zuge, erklärt Walter Siegfried Nienhaus von der Regionaldirektion der Berliner Arbeitsagentur. Das bedeutet aber, dass geduldete Personen nur dann eine reale Chance haben, eine Arbeit zu finden, wenn es sich um hoch qualifizierte Tätigkeiten handelt und die Anzahl der Mitbewerber klein ist. Würde das Berliner Sinfonieorchester Hee-Seon Jin eine Dirigentenstelle anbieten, wären ihre Chancen groß, sie wahrnehmen zu können. Aber Dirigenten werden nur selten gesucht, und unqualifizierte Tätigkeiten wird die Frau wahrscheinlich nicht bekommen.

Um schnell an Geld zu kommen, könnte sie Sozialhilfe beantragen. Doch dazu sagt der Sprecher der Innenverwaltung: „Wir würden ihr nicht raten, Sozialhilfe zu beantragen. Das könnte ihre Chancen bei der Härtefallkommission beeinträchtigen.“

Hee-Seon Jin konnte bisher immer für sich geltend machen, dass sie in den 21 Jahren, die sie jetzt hier ist, Deutschland noch nie finanziell zur Last gefallen ist. Darauf haben auch ihre Fürsprecher immer hingewiesen. Eine Lösung scheint nicht in Sicht.

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