Berlin : Geeinte Stadt - geteilte Ansichten - Wie das neue Zentrum von Berlinern beurteilt wird

Nicholas Körber

Der Potsdamer Platz hat Gestalt angenommen. Die Bauten von DaimlerChrysler sind bereits seit über einem Jahr weitgehend fertiggestellt, und im Januar wurde auch das Sony-Center eröffnet. In die "Neue Mitte" der Stadt drängen die Besucher. Deren Einschätzung versucht eine auf fünf Jahre angelegte Langzeiterhebung des Geographischen Instituts der Humboldt-Universität zu ermitteln.

Studierende befragten mittlerweile das zweite Mal Passanten am Potsdamer Platz. Die Ergebnisse vermitteln ein Stimmungsbild über die Nutzer des Platzes. Warum kommen sie hierher? Was denken sie über den neuen Stadtteil? Die erste Befragung im November 1999 stellte die Meinung von Berlinern und Touristen gegenüber, die den Potsdamer Platz am Wochenende besuchten. Die zweite Befragung, kurz nach der Eröffnung des Sony-Centers, konzentrierte sich ganz auf die Bewohner der Stadt, die freitags über 80 Prozent der Passanten stellten. Die Nutzer des Potsdamer Platz sind demnach unter der Woche ganz andere als am Wochenende. Dann ist der Potsdamer Platz mit seinem Konsum- und Amüsierangebot sowie seiner neu entstandenen Architektur eindeutig ein Touristenmagnet.

Auswärtige kommen zum Staunen

Zwei Drittel der Befragten sind Auswärtige, die kommen, um zu staunen. An solchen Tagen wirkt die "Retortenstadt" daher künstlicher. Unter der Woche ist der Potsdamer Platz für die Bewohner der Stadt eher ein neu entstandenes Stück Berlin. Ihnen dient der Potsdamer Platz nicht nur als Kulisse zum Schauen und Shoppen, sondern um ihren Lebensunterhalt zu verdienen.

Insgesamt zeigen die Befragungen, dass sich die Gruppe der Nutzer durchaus heterogener darstellt, als es vielleicht auf den ersten Blick scheint. Unter den Befragten waren auch Schüler und Studenten, Arbeitslose und Rentner. Die befragten Berliner der zweiten Stichprobe kamen mehr oder weniger aus der gesamten Stadt, egal ob sie im Bezirk Tiergarten direkt neben dem Potsdamer Platz wohnen oder am Stadtrand. Annähernd zwei Drittel (62,5 Prozent) stammten aus den westlichen Stadtteilen Berlins. Zwar ist diese Adresse schon lange keine Garantie mehr, dass man dort auch wirklich zahlreiche "Ossis" trifft, dennoch ließen sich einige interessante Abweichungen im Nutzerverhalten feststellen. So beziehen die befragten Bewohner aus dem einstigen West-Berlin den Potsdamer Platz wesentlich stärker in ihren täglichen Aktionsraum ein, als die befragten Berliner aus den östlichen Stadtteilen. Denn über die Hälfte (56,7 Prozent) der im westlichen Berlin Wohnenden besuchen ein Mal oder mehrmals in der Woche den Potsdamer Platz. Bei den befragten Berlinern mit Wohnsitz im östlichen Berlin beschränkt sich dieser Anteil auf ein Drittel (33,3 Prozent). Hinzu kommt, dass viele in dieser Gruppe das erste Mal am Potsdamer Platz waren (16,7 Prozent), ganz im Gegensatz zu ihren "West-Berliner" Mitbewohnern, von denen keiner zum ersten Mal gekommen ist.

Ein Großteil der Befragten (28,3 Prozent) hält sich aus beruflichen Gründen am Potsdamer Platz auf. Für das gesamte Areal sind 25 000 bis 30 000 Arbeitsplätze geplant. Schon heute arbeiten dort viele Menschen, einige verlegen ihr Geschäftsessen zum Potsdamer Platz. Studenten jobben in den Kinos und Geschäften, Arbeitslose verkaufen die Obdachlosenzeitung. Der größte Teil der Menschen, der am Potsdamer Platz arbeitet, ist noch sehr jung, nämlich zwischen 19 und 30 Jahren. Die Befragung ergab auch, dass der Anteil derjenigen, die beruflich am Potsdamer Platz zu tun haben, bei den "West-Berlinern" mit 32, 5 Prozent über ein Drittel höher war als bei den "Ost-Berliner" Befragten. Eine Begründung dafür zu finden, ist schwer.

Zentrum des neuen Berlins

Auffällig in diesem Zusammenhang ist die positivere Bewertung, die der Potsdamer Platz in einem markanten Punkt bei den "West-Berlinern" besitzt. 23,5 Prozent empfinden den Potsdamer Platz als Zentrum des "Neuen Berlins", aber nur zehn Prozent der befragten "Ost-Berliner". Diese führen bei einer anderen Bewertung: So ist der Anteil derer, die am Potsdamer Platz einkaufen, bei den Befragten aus den östlichen Stadtteilen (30 Prozent) fast doppelt so hoch, wie der Anteil der befragten Berliner aus dem Westen (17,5 Prozent). In diesem Zusammenhang werden von den "Ost-Berlinern" das gute Angebot (20 Prozent) und die angenehme Atmosphäre (16 Prozent) höher bewertet als von ihren Nachbarn aus den westlichen Stadteilen. Beim Kaufen kommt der Platz bei den "Ost-Berlinern" gut weg, bei der Kultur weniger.

Nur fünf Prozent der Berliner aus dem ehemaligen Ostteil sehen den Platz als kulturelles Zentrum. Das Kulturangebot (9,1 Prozent) wird von dieser Gruppe der Befragten auch oft als unzureichend bewertet . Der Gesamteinschätzung scheint dies aber keinen Abbruch zu tun: 62,5 Prozent der "West-Berliner" und sogar zwei Drittel der "Ost-Berliner" gaben an, sich am Potsdamer Platz wohl zu fühlen.Informationen bei Katja Adelhof, Geographisches Institut, Telefon: 030 / 30875-668, Fax: 30875-646, E-Mail: Katja=Adelhof@rz.hu-berlin.de , Internet: www2.hu-berlin.de/geo/hu/angeo/lsangeo.html

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