Berlin : Gefährliche Staubkörner

Schadstoffe in der Berliner Luft machen krank. Lungenärzte schlagen Alarm

Ingo Bach

Sie sind nur unter dem Mikroskop zu erkennen und trotzdem ein Riesenproblem: feinste Staubpartikel, die durch die Luft schweben. Die größten von ihnen haben einen Durchmesser von einem Zehntel Millimeter, so dick wie das menschliche Haar. Die kleinsten bringen es auf weniger als ein Hundertstel des Haares. Diese ultrafeinen Teilchen können durch die Atemluft bis tief in die Lungen und sogar in die Blutgefäße vordringen und schwere Erkrankungen verursachen: chronische Lungenentzündungen zum Beispiel, Krebs oder Herzprobleme.

Und obwohl die Luftverschmutzung allgemein zurückgeht, steigt die Belastung mit dem gefährlichen Staub immer weiter an – und damit auch die Gefahr für die Gesundheit. Das hat nun auch Mediziner alarmiert: Die am kommenden Mittwoch im Kongresscenter am Alexanderplatz (bcc) beginnende Jahrestagung von rund 3000 deutschen Lungenärzten fordert unter dem Motto „Berliner Luft Raum“ mehr Anstrengungen der Politiker im Kampf gegen die trübe Gefahr. Mit einer kostenlosen Lungenprüfung im Kongresszentrum wollen Ärzte vom 17. bis zum 19. März jeweils ab 11 Uhr die Berliner für das Thema sensibilisieren.

Die Hauptstadt ist nach Angaben des Bundesumweltministeriums neben dem Ruhrgebiet die Region, wo die Grenzwerte besonders häufig überschritten werden. Die Belastung mit Schwebstaub ist für Anwohner von viel befahrenen Straßen wie der Frankfurter Allee, der Karl-Marx-Straße oder der Leipziger Straße ein Gesundheitsrisiko. Denn eine der Hauptquellen für den feinen Grauschleier sind die Abgase der Autos. Auch Industrieanlagen und Kohleheizungen blasen die Teilchen in die Atemluft.

Seit dem ersten Januar gelten für den Staubgehalt neue Grenzwerte: Im Jahresmittel dürfen 40 Mikro- (also Millionstel) Gramm pro Kubikmeter Luft nicht überschritten werden. Doch manche Messstationen in Berlin melden immer wieder höhere Werte – mit Folgen: Auch wenn es keine genauen Zahlen gebe, so sei auffällig, dass immer mehr Asthmapatienten in der Charité eine Verschlimmerung ihrer Leiden beklagen, sagt Christian Witt, Leiter der Pneumologie (Lungenheilkunde) an dem Klinikum.

Pro zehn Mikrogramm Staubgehalt je Kubikmeter Luft werde die statistische Lebenserwartung der betroffenen Anwohner um sechs Monate verkürzt, sagt David Greenberg, Pneumologie an der Universität Lübeck. 60 000 Menschen sterben pro Jahr in Deutschland vorzeitig durch die Einwirkung des Feinstaubes, schätzen Wissenschaftler – das wären in Berlin jährlich rund 2600 Einwohner.

Das Problem ist auch dem Senat bewusst. Laut dem jetzt vorgelegten Luftreinhalteplan der Umweltverwaltung dürfen ab 2008 nur noch Diesel-Fahrzeuge in die Innenstadt, die zum Beispiel durch Rußfilter die Euro-Schadstoffklasse II erfüllen. Außerdem soll der Anteil schadstoffärmerer mit Erdgas betriebener Autos wachsen. Derzeit rollen auf Berlins Straßen 1300 gasbetriebene Fahrzeuge, nicht mal ein Promille aller in der Hauptstadt zugelassenen Wagen.

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