Berlin : Gefühlte Enge als Konzept

Senatsbaudirektor Stimmanns Bilanz (Teil 2): Die neue Friedrichstraße hat er in historische Form gepresst

Christian van Lessen

Was macht ihre Anziehungskraft aus? Warum erregt sie so viel Neugier, nicht nur bei Touristen? Aus allen Bezirken fühlen sich Berliner angelockt, um hier das „Feine“ ihrer Stadt zu erspüren. Um sich in dieser Straße immer ein wenig fremd und geborgen zugleich zu fühlen. Um sich, wenn sie Autofahrer sind, regelmäßig zu ärgern, wenn sie kurz vor den „Linden“ einspurig im Stau stehen? Was ist das Geheimnis der Friedrichstraße? Es hat viel mit dem quirligen Leben zu tun, mit den Geschäften, mit der ungewohnten Enge der Straße. Es hat etwas mit der Stadtplanung zu tun, und so vor allem mit Senatsbaudirektor Hans Stimmann.

Die Friedrichstraße – zwischen einstigem Checkpoint Charlie und Bahnhof – war neben dem Potsdamer Platz die größte Baustelle nach der Wende. Die schnurgerade Nord-Süd-Verbindung ist noch immer nicht fertig, besonders nördlich des Bahnhofs. Stimmann stand jüngst in öffentlicher Kritik, als er es auch gegen die Bedenken des Bezirks Mitte zuließ, dass an der Ecke Unter den Linden das einstige Hotel aus DDR-Zeiten abgerissen wurde. Es weicht wie der grüne Vorplatz einem Geschäftsbau.

Dieses Bauwerk wird dazu beitragen, dass sich bei vielen Passanten das Gefühl der Enge noch verstärkt. Der Senatsbaudirektor pocht – wie schon beim Abholzen einer Grünanlage am Bahnhof zugunsten eines Neubaublocks mit steinernem Platz – auf historische Baufluchtlinien. Deshalb durften vor das Hochhaus des Internationalen Handelszentrums in den 90er Jahren flache Neubauten gesetzt werden, um dicht an die Straße zu rücken. Stimmann will dem historischen Erscheinungsbild der Straße möglichst nahe kommen. Sie war stets ein enger, baumloser Schlauch und vermittelte ein besonderes Gefühl von Großstadt. In der Praxis bedeutet dies für Autofahrer enge Fahrbahnen und Staus, Passanten aber genießen die Enge und erfreuen sich an Kolonnaden.

Die Friedrichstraße ist neben dem Potsdamer und dem Pariser Platz eines der Vorzeigestücke des neuen Berlin. Ein Symbol der Wiedervereinigung, von allen Berlinern während der Bauphase neugierig und skeptisch beobachtet. Anfang der 90er Jahre hatte die Senatsplanung mit den Ost-Berliner Vorstellungen für die Straße ziemlich abrupt Schluss gemacht. Schon rohbaufertig wurden die zurückgesetzten Friedrichstadtpassagen in Höhe des Gendarmenmarktes abgerissen. Sie widersprachen dem neuen Leitbild der kritischen Rekonstruktion der Straßenschlucht. Auch mit dem Lindencorso aus den 60er Jahren wollten sich Investoren und Stadtplanung nicht abfinden. Es wich einem Neubau, der exemplarisch für die Architektursprache der neuen Friedrichstraße ist: Berliner „Traufhöhe“ mit zurückgesetzten Sockelgeschossen auf dem Dach, um dem vorgeschriebenen 20-prozentigen Wohnanteil gerecht zu werden. Die Straße, so das Leitbild, sollte nicht nach Feierabend veröden. Das von der Senatsplanung befürwortete „steinerne Berlin“ ließ nur Ausnahmen zu: etwa das gläserne, geschwungene Kaufhaus Galeries Lafayette an der Ecke zur Französischen Straße. Die neuen, dicht bebauten Komplexe nannten sich Quartiere, entfalteten ihr meist edles Geschäftsleben vor allem im Inneren, was der neuen Einkaufsstraße und ihrer Außenwirkung anfangs zu schaden schien. Es gab Leerstand, Straßenbauarbeiten zogen sich so lange hin, dass viele Läden mangels Kundschaft aufgaben.

Längst aber funktioniert das Geschäftsleben – die Straße hat ein über die Stadt hinaus nobles Ansehen bekommen. Autosalons, Modehäuser, Lafayette, das Kulturkaufhaus Dussmann, Restaurants, Kanzleien, auch die Coca-Cola-Zentrale haben sich angesiedelt.

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