Berlin : Gegen den Strom

Deike Diening

"Dies hier wird mein Reich", ruft Steve Mass und breitet die Arme aus. So, als besäße er nicht schon jetzt einen Club, gleich nebenan. Man müsste nur durch die hölzernen Schallschutz-Türen Marke Eigenbau gehen und stünde direkt hinter dem Tresen des Mudd Club. Wir stehen jetzt in einem gekachelten Kellerraum, der Küche eines ehemaligen Mittelalterrestaurants. Mit von der Partie sind ein Plattenteller und eine Eistruhe - das Getränkelager des Clubs. An dieser Stelle soll demnächst eine Lounge entstehen mit eigener Bühne, in der Mass nur die Sachen zeigen will, die "ich selber gerne mag".

Als Steve Mass anfing in Berlin - vor bald zwei Jahren und frisch aus New York gekommen - da war man sich gar nicht so sicher, ob er es packen würde: einfach so, als Außenseiter, hieß es. Ohne zu wissen "wie Berlin funktioniert". Und wenn man über den Berliner Mudd Club las, dann erfuhr man meistens mehr über seinen berühmten Vorgänger und Namensvetter in New York als über den Ort der Gegenwart, den derselbe Mann heute in Mitte betreibt. Vielleicht liegt das daran, dass der Mudd Club Mitte schwer zu fassen ist. Er verweigert sich mit seinem sperrigen Live-Programm der Eindeutigkeit. Und vielleicht liegt es auch daran, dass Steve Mass selbst in seiner Kauzigkeit schwer zu fassen ist. "Die Jugendlichen sitzen an so etwas wie den Atomwaffenknöpfen der Musik," sagt er gerade. "Ich meine: Man kann ihnen noch alles mögliche vorschreiben, man kann ohne anzuklopfen in ihre Zimmer gehen, aber die Musik, die bestimmen sie. Sie bestimmen, was hip ist. Wenn du so etwas hier auflegst (er lässt die Nadel des Plattentellers bei Gitte hinunter) hängen sie dich auf. On the spot!" Mass schaut durchdringend durch seine Hornbrille. Aus seiner schwarzen Weste schaut ein Schraubenzieher, um die Hüfte hängen volle Ledertaschen als würde er ungern unvorbereitet angetroffen. Er holt sich jetzt einen Wein von drüben. Als die Türen aufgehen, hört man wie auf der Bühne gerade jemand "Essener essen Essen in Essen" liest. Eine Lesung. Die gibt es jetzt häufiger. "Literatur", sagt er, "Literatur ist es. Ich sehe da eine gewisse Krise der Musik." Sie gehört doch in einen Club - sie haben Gemeinsamkeiten. Beide haben ein enges Verhältnis zur Nacht. Da versuchen die Schriftsteller alles, sie werden grauer und grauer, hauen ihren Kopf vor die Wand und erst um vier Uhr morgens fließt es. Weil sie dann ihr Korsett des Tages abgestreift haben. Ja, darum geht es in der Kunst! Das Korsett abzustreifen." Mass lehnt sich an den Plattentisch. "In Berlin bemerke ich einen Trend, clean zu werden: nicht mehr rauchen, kaum Alkohol, keine sexuellen Ausfälle. Das ist bedrohlich. So wird man das Korsett nicht los."

Immer wieder kommen Leute in den Kachelraum, die mit Mass verabredet sind. "Künstler", sagt Mass als sie weg sind, "interessieren sich ohnehin nicht für das fertige Produkt." Das sei oft wunderschön, ja, aber auch undurchdringlich. "Künstler interessiert der Prozess. Das sind keine polierten Leute. Und das haben sie hier in Berlin begriffen. Deshalb gibt es so viele obskure Orte in Berlin. An die muss man gehen, wenn man etwas Wahrhaftiges sehen will." In New York habe es diese Orte zuletzt nicht mehr gegeben. Und auch die Künstler nicht mehr. "Hits", sagt er und redet sich wieder in Rage "sind musikalische Sackgassen. Frage die Musiker - die sind immer stolz auf ihre kleinen Sachen, nicht auf die Hits. Die gehören ihnen nämlich längst nicht mehr. Ich habe U2 in New York 500 Dollar für ihren ersten Gig gezahlt. Aber was sind sie letztendlich? Langweilig."

Mass hat nichts von einem "Partymacher" an sich. Er hat keine Jet-Set-Fantasien, redet nicht über Finanzpläne oder Locations. Die Konkurrenz intessiert ihn nicht. Alles unwesentliche Dinge. Richtung und Bedeutung der Kunst interessiert ihn. Und ständig zerreißt es ihn da zwischen Klage und Begeisterung, der Musik und Literatur, Authentizität und Identität, Amerika und Berlin. Berlin liebt er. Er zeigt sich immer noch von diesem alten Europa angezogen und versteht gleichzeitig die Amerikabegeisterung seiner Bewohner nicht. Als Steve Mass zum erstenmal in Berlin war, da gab es gerade Wirtschaftswunder. Jetzt ist er wieder mittendrin, mitten in Mitte, ja auch so einer Art stadtteilbezogenem Wirtschaftswunder. Und Mass scheint der Letzte zu sein, der ausgerechnt hier nach Authentizität sucht, wo es ja tagsüber nur noch Schuhe und Tretroller zu kaufen gibt.

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