Berlin : Gegen schlechte Träume hilft der gute Kobold

Eva Köhler setzte sich als Schirmherrin bei einer märchenhaften Benefizmatinee für die Behandlung traumatisierter Kinder ein

Elisabeth Binder

Der dicke grüne Kobold hat Khatol am besten gefallen. Der sitzt im Keller und schmatzt genüsslich, wenn er Albtraumwesen mit langen weißen knochigen Fingern sieht. Dann frisst er sie auf, bevor sie jemanden quälen können.

Das elfjährige Mädchen aus Afghanistan in einer rosa Kapuzenjacke hat warme braune Augen und gehörte gestern zu den Gästen einer ungewöhnlichen Benefizmatinee in der Mercedes-Welt am Salzufer. Vor 400 Gästen führt das Kindermusiktheater der Deutschen Oper „Das Traumfresserchen“ auf, ein konzertantes Singspiel nach einer Geschichte von Michael Ende.

Unter den vielen behüteten Kindern, die mit ihren Eltern gekommen waren, befanden sich auch einige, die schlimme Erfahrungen mit sehr konkreten Albträumen gemacht haben und die deshalb in der Kinder- und Jugendabteilung des Zentrums für Folteropfer behandelt werden. Als Mercedes-Chef Walter Müller die Frau des Bundespräsidenten bat, für seine seit zehn Jahren alljährlich stattfindende Adventsmatinee die Schirmherrschaft zu übernehmen, schlug Eva Luise Köhler ihm vor, etwas für das Zentrum zu tun. „Ich kannte das vorher gar nicht“, sagte Müller. So begrüßte er unter den Anwesenden in der weihnachtlich glanzvoll geschmückten Halle besonders herzlich „die Menschen, die für etwas gekämpft haben, was für uns selbstverständlich ist: Freiheit und Demokratie“.

Eva Köhler sprach mit eindringlichen Worten von den Folgen der Folter, von den unauslöschlichen Spuren, die die Erfahrung von abgrundtiefer Einsamkeit und extremer Hilflosigkeit hinterlassen. „Es gibt uns selber ein gutes Gefühl, wenn wir mithelfen, kranken Seelen wieder Hoffnung zu geben“, sagte sie. „Ein schöneres Weihnachtsgeschenk können wir uns doch gar nicht machen.“ Walter Müller überreichte einen Scheck in Höhe von 20 000 Euro, auch die Gäste waren zu Spenden aufgerufen. Die Ensemblemitglieder der Deutschen Oper, die ihre Intendantin Kirsten Harms mitgebracht hatten, traten für den guten Zweck ehrenamtlich auf.

Gebannt verfolgen die Kinder, darunter auch Angolaner, Tschetschenen und Kurden, die Geschichte von der Prinzessin, die den Kobold vertreibt, weil sie ihn hässlich findet und nicht weiß, dass er sie vor bösen Träumen bewahrt. Die zehnjährige Dilan trägt einen dicken rosa Rollkragenpullover, und man sieht ihr die Albträume nicht an, die sie selbst erlebt hat, die Schläge der Polizisten, als sie versuchte, den Vater, der abgeführt wurde, festzuhalten. Seit vier Jahren lebt sie in Deutschland, und die Geschichte vom Traumfresserchen kannte sie schon aus der Schule: „Da haben wir sogar schon mal einen Test drüber geschrieben.“

Albträume sind das häufigste Symptom bei den etwa 1000 in Deutschland lebenden Kindern und Jugendlichen, die direkt oder über ihre Eltern indirekt Opfer von Folter geworden sind. Khatol war noch ganz klein, als die Familie geflohen ist, aber durch den Vater, der schwer misshandelt wurde, weiß sie, was es bedeutet, gegen Albträume zu kämpfen.

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