Geköpfter Hitler : Die Wutprobe

Frank L., 41 Jahre alt, aus Kreuzberg, hat die Hitler-Puppe bei Madame Tussauds geköpft - wegen einer Wette. Randale, sagt er, liegt ihm nicht.

Frank L.
"Diese Aktion war fürs Museum doch eine prima Werbung". -Foto: Bild-Zeitung/Firyn

Nun sitzt er Sonntagmittag auf dem schokoladenbraunen Ledersofa in seiner Wohnung an der Kreuzberger Urbanstraße, zieht an der Kippe, als müsse er eine ganze Schachtel in einer Stunde rauchen, leert die Pilsflasche in schnellen Zügen und erklärt: „Nee, nee, ick will keen Held sein.“ Ganz spontan sei ihm die Idee gekommen, Hitler zu köpfen, sagt Frank L., der Mann, der am Sonnabend mit seinem Anschlag auf die Wachsfigur des Führers im neueröffneten Madame Tussauds Unter den Linden Schlagzeilen gemacht hat.Er wirkt nervös. Langsam wird ihm der Presserummel zuviel.

Alles hatte in seiner Stammkneipe begonnen, im „Schlawinchen“ in der Schönleinstraße, beim Kickern mit den Kumpels. Sie hatten sich „tierisch aufgeregt“, dass Hitler für Touristen ausgestellt werden sollte. Das könne man in Las Vegas machen, „aber nicht hier, wo die Nazis gewütet haben“, seien sie sich einig gewesen und hätten gesagt, man müsse der Figur gleich nach der Eröffnung des Museums „auf die Platte hauen“. „Wer traut sich das?“ habe einer aus der Runde gefragt. „Ich“, habe er gerufen.

Bislang war der 41-Jährige mit so was nie aufgefallen. Er sei zwar „Alt-Punk“ und Fan der Punkrockband „Motörhead“, sagt er und streicht sich über die kurz geschorenen Stoppeln auf dem Kopf. Das Label seiner Lieblingsband prangt auf dem schwarzen T-Shirt über der grünen Safarihose. Aber auf Randale sei er nie aus gewesen. Der Kreuzberger war erst Polizist geworden, hatte dann den Job aber wieder aufgegeben, weil er beim Reagan-Besuch in den späten Achtzigern „nicht auf Protestler knüppeln“ wollte. L. arbeitete im Supermarkt – das gefiel ihm auch nicht. Dann war er jahrelang arbeitslos. Zwei Hobbys hielten ihn bei Laune: Computerspiele und die Pflege von Zimmerpflanzen. Die helle Wohnung unterm Dach, die Frank L. mit seiner schwerbehinderten Freundin teilt, ist ein kleines Gewächshaus.

Vor drei Jahren ließ er sich zum Altenbetreuer umschulen und arbeitet nun in einem Pflegeheim. „Das entspricht meinem Punk-Gefühl“, sagt er. Was das heißt? „Aufrecht sein, Verständnis zeigen – eben so wie Willy Brandt.“ Deshalb fand er es „richtig gut“, dass der Alt-Kanzler als Wachspuppe im gleichen Raum zuguckte, als er sich auf Hitler stürzte. Zuvor war Frank L. die halbe Nacht „mit Muffensausen“ Unter den Linden auf- und abmarschiert. Eigentlich wollte er Hitler ja gar nicht köpfen, sondern einfach irgendwie zerstören. Als er zupackte, riss erst die Nase ab, dann bekam der Schädel Sprünge und brach ab. Ein Wärter stürzte sich dann auf ihn und die beiden fielen samt Hitlers Kopf zu Boden.

Noch am Sonnabend klopften ihm die Kumpels im „Schlawinchen“ auf die Schulter. „Das war schon ein cooles Gefühl“, sagt er. Ansonsten scheut er eher die Öffentlichkeit. Außerdem schlägt ihm der Gedanke an mögliche Schadensersatzforderungen auf den Magen.

Eventuell solle Hitler nicht mehr ins Museum zurückkehren, hieß es gestern. Dann müsse er ja nicht repariert werden, überlegt Frank L. und sagt: „Eigentlich habe ich Madame Tussauds was Gutes getan. Eine bessere Werbung hätten die sich gar nicht wünschen können.“CS

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