Gelähmte Autorin : Bloß kein Schoßhund sein

Gehen oder mit den eigenen Händen schreiben kann sie nicht, aber studieren und Texte aufsprechen Jetzt ist das erste Buch der gelähmten Marie Gronwald erschienen: "Der schöne Schein des Lächelns".

Dirk König
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Stark. Marie Gronwald liest in der Schöneberger Kneipe „Resonanz“. Foto: Uwe Steinert

„Es gibt Tage, an denen ich auf die Straße gehe und das Gefühl habe, Lächeln wäre ein ebenso beliebter Sport wie Joggen“, sagt Marie Gronwald. Manchmal nervt es sie einfach nur, wenn sie, in ihrem Rollstuhl sitzend, von ihren Mitmenschen, meist aus Verlegenheit, reflexartig angelächelt wird. Das kennt sie schon lange, schon seit 26 Jahren. Damals kam sie mit spastischen Lähmungen aller vier Gliedmaßen zur Welt. Bereits als Kind begann sie aufzuschreiben, wie andere Menschen auf sie reagieren, auf sie zugehen. Das heißt, selbst schreiben kann sie aufgrund ihrer körperlichen Einschränkung ja nicht. „Ich nahm die Texte auf einen Kassettenrecorder auf. Da musste immer einer alles abhören und aufs Papier bringen“, sagt sie. Mittlerweile hat sie sogar ihr erstes Buch veröffentlich: „Der schöne Schein des Lächelns“ (Westkreuz-Verlag, Berlin).

Das Schreiben wurde zur Leidenschaft. Oder doch vielleicht zu einer Flucht? Einer Flucht in eine Welt, in der sie befreit war von diesem ewigen Lächeln der Mitmenschen? Und wie nervig ist es, wenn meist ältere Leute sie auf der Straße plötzlich anfassen und sogar streicheln. So wie einen Schoßhund. „Irgendwie passe ich da wohl in ein bestimmtes niedliches Kindchen-Schema“, sagt sie fast schon ein bisschen resigniert. Und dann berichtet sie noch von den Erfahrungen mit einem Kosmetikstudio, in dem sie einen Geschenkgutschein einlösen wollte. Während der telefonischen Anmeldung zu einer Kosmetikbehandlung konnte sie anfangs eine honigsüße Stimme am Ende des Apparats wahrnehmen. Dann aber, bei der Erwähnung des Rollstuhls, war der honigsüße Klang plötzlich aus der Stimme der Kosmetikerin verschwunden. Angeblich sei die Behandlung wegen des Rollstuhles nicht durchführbar. Zuletzt musste Marie Gronwald sich noch sagen lassen, den Gutschein doch ihrer Mutter zu schenken.

Doch sie hat auch positive Erlebnisse. Wie das mit dem Kreuzberger Schulleiter, der in der Zeitung las, dass da ein Mädchen im Rollstuhl nach der Grundschule keinen Platz in einer weiterführenden Bildungseinrichtung fand. Er nahm sie in seiner Schule auf, zwei Klassenlehrerinnen organisierten Schüler, die sich um sie kümmerten. „Alle halfen mir, ich hatte immer Beschützer“, sagt Marie nicht ohne Stolz. Mittlerweile studiert sie Germanistik und Philosophie an der Freien Universität. Ihren Lebensalltag meistert die junge Frau mit der Hilfe von zehn sogenannten Assistenten, die sie im Schichtdienst fünfzehn Stunden am Tag betreuen. Und nur so kann sie all ihren Aktivitäten nachgehen, der Teilhabe an dem kulturellem Geschehen oder auch ihrer journalistischen Tätigkeit. „Für mich steht fest, dass ich nach meinem Studium Schriftstellerin und Journalistin werden möchte“, sagt sie selbstbewusst. Sie arbeitet intensiv an ihrem Ziel, gründete vor ein paar Jahren das Magazin „mondkalb“, eine Politik- und Kulturzeitschrift, für die Marie Gronwald mit ihrer Redaktion Themen wie Sexualität, Sterbehilfe und Arbeit aus der Sicht von Behinderten aufarbeitet. Sie schwärmt noch heute von ihrem Praktikum beim Stadtmagazin „Zitty“: „Das war echt cool. Ich konnte Artikel schreiben und wurde auch zu Terminen geschickt.“ Es gab also keine Probleme mit ihrer Behinderung? „Nun ja“, sagt sie nicht ohne ein Schmunzeln. „Einmal habe ich einen Hotelbesitzer interviewt, der hat die ganze Zeit seine Hand auf meine Schulter gelegt. Wahrscheinlich hat er gelesen, dass das auf Spastiker beruhigend wirken soll.“

Dass Marie solche Gesten zur Beruhigung nicht nötig hat, bewies sie neulich in einer Schöneberger Kneipe während der Lesung aus ihrem Buch. Souverän las sie dort abwechselnd mit der Schauspielerin Nadine Pasta die Geschichten aus ihrem Leben vor, persönliche und alltägliche, mit Humor und oft auch einem Augenzwinkern geschrieben. Und auch wenn die Geschichten immer mit ihrer Behinderung zu tun haben – „den moralischen Zeigefinger wollte ich nicht damit heben“, betont sie. Und eigentlich ist es auch nur der Hartnäckigkeit der Verlegerin geschuldet, dass es zu diesem Buchprojekt gekommen ist. Zufällig war die mal bei einer Lesung von Marie Gronwald anwesend, die damals ein paar selbstgeschriebene Kurzgeschichten vor Publikum vortrug. Die Verlegerin war angetan von den witzigen, aber auch hintergründigen Geschichten und wollte Gronwald sofort von einer Veröffentlichung überzeugen. Die Autorin war zunächst skeptisch und lehnte ab. Doch nach weiteren Anfragen willigte sie ein und konnte ihr Werk auf der letzten Leipziger Buchmesse vorstellen. Ein neues Buchprojekt hat sie auch schon im Kopf: „Es soll darin um starke Frauen gehen“, sagt sie und lächelt.Dirk König

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