• Geld ersetzt keine Standortqualitäten Die Aufregung über Firmenabwerbung nach Berlin ist nur Populismus.

Berlin : Geld ersetzt keine Standortqualitäten Die Aufregung über Firmenabwerbung nach Berlin ist nur Populismus.

Von Klaus Brake

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Die Beispiele sind bekannt: Universal Music und der „Echo“ haben Hamburg verlassen, die Popkom und die Modemesse „Bread&Butter“ sind von Köln nach Berlin gezogen. Die Verlierer schimpfen, Hamburg spricht von „Abwerbung“, zumal „mit Subventionen aus unseren Steuergeldern“.

Das mit dem Geld ist so eine Sache. Ansiedlungshilfen sind keine Steuergelder. Mit dem wirklich großen Geld kann gerade der Standort nicht winken, der exorbitante Schulden hat. Und im Übrigen ist LänderFinanzausgleich kein Ticket dafür, sich in die Tagespolitik anderer einzumischen.

Finanzen sind aber auch gar nicht der springende Punkt. Ein anderer Standort wird nur gewählt, wenn er die richtigen Qualitäten hat. Er muss eine konkrete Ausstattung aufweisen, mit der eine Firma ihre spezifischen Tätigkeiten so optimal wie möglich ausüben kann: Im Ergebnis mit Leistungen und Produkten auf dem Niveau, dass man in seinem Feld der Konkurrenz nicht nur ebenbürtig, sondern künftig sogar überlegen ist.

Hätte Berlin – wie auch die ZEIT gerade konstatiert – mit seiner Offenheit, mit jungen Leuten aus aller Welt, mit Kultur und Wissenschaft und mit seiner Urbanität nicht das kreative Milieu, aus dem heraus Medien-Firmen und -Events etwa die Botschaften generieren könnten, mit denen sie auf dem (Welt-)Markt punkten – sie würden nie und nimmer nach Berlin gehen.

Auch nicht für Geld: Das hilft vielleicht bei Routine-Tätigkeiten. Nicht aber bei neuartigen, prototypischen Produkten. Stimmt dafür alles mit der Ausstattung des Standortes, so ist finanzielle Ansiedlungsunterstützung hilfreich und kann bei alternativen Standorten zum Auswahl-Kriterium werden: „Mitnahmeeffekte“ heißt das im Fachjargon.

So zieht es also jeden an seinen geeigneten Platz. General Electric z.B. schließlich doch nach München statt nach Berlin. Womöglich konnte Bayern als echte Alternative auch mehr Hilfe anbieten. Interessant ist jedoch das Argument, dorthin zu gehen, von wo aus die Konkurrenz, in diesem Fall Siemens, erfolgreich agiert: Dort muss man mit den spezifischen Standort-Qualitäten doch ergiebig umgehen können.

Insofern ist ein moralischer Akzent, wie von Hamburgs Bürgermeister Ole von Beust ins Spiel gebracht („Das ist unanständig“) ganz unangemessen und eher Ausdruck beleidigter Hilflosigkeit. Hamburg hat auf anderen Feldern auch seine besonderen und mit Berlin gar nicht vergleichbaren Qualitäten, wie etwa in der Luft- und Raumfahrttechnik.

Berlin wiederum wäre nicht gut beraten, sich auf Teufel komm raus um Standortsuchende jeglicher Art zu bemühen. Was über die Findigkeit der Senatskanzlei bekannt ist, auf Umzugswillige frühzeitig zuzugehen, kann nur als richtig bezeichnet werden – im Hinblick auf deren spezifische Bedürfnisse wie auf Berlins leistungsfähigen kreativen Sektor. Analog müsste Berlin auch die anderen Felder vermarkten, auf denen es das Zeug zu einem Kompetenzzentrum hat.

So bei den bereits verabredeten Schwerpunkten, wie etwa der Verkehrssystemtechnik: Nicht nur dass Berlin da selbst Vorbildliches bieten sollte; auch wäre es hilfreich, die vielen Angebots-Kompetenzen in einem permanenten Forum gebündelt zu präsentieren, etwa in einem „Mobilitäts-Park“. Und ebenso wichtig ist es, schlummernde Kompetenzen zu aktivieren und zu vermarkten. Wie etwa mit dem neuen Konzept der „Gesundheitsstadt Berlin“: sich mit dem medizinischen Leistungsspektrum, das hier etwa mit Universitäts-Klinika besonders spezialisiert und qualifiziert ist, der Nachfrage aus aller Welt zu stellen – eingebettet in die attraktive Kultur- und Tourismus-Szene der Stadt. Das ist viel versprechend.

Es gilt also, Berlins Qualitäten ins richtige Licht zu rücken – die substanziellen Akzente zu setzen und entsprechend gezielt zu akquirieren. Das ist die Lehre aus der Empörung anderer Standorte über Berlin.

Klaus Brake ist Professor für Stadt- und Regionalentwicklung an der Carl-von-OssietzkyUniversität Oldenburg. Foto: Marcus Bleyl

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